Zweite Pilgerreise nach Russland, 2015

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Zweite Pilgerreise nach Russland, 2015

Beitragvon kashiraja am Sa 09.05.2015 22:24

Die beiden Russland-Reiseberichte 2014 und 2015 wurden inzwischen überarbeitet und als eBook in verschiedenen Formaten mit dem Titel "Russland heute - zwei (spirituelle) Reiseberichte" herausgegeben. Darin findet man auch Verlinkungen zu rund 500 Fotos in Web-Alben. Zu beziehen u.a. bei http://www.fyue.de/shop

Wieder Zigeuner
Darmstadt
Lange hat es diesmal gedauert bis die Entscheidung gefallen ist, dass es wieder nach Russland geht. Vor zwei Tagen hab ich also das Hotel Mama verlassen und führe nun wieder ein Zigeunerleben. Die Umstellung von guter Küche zu einfachster Kost und von breitem, ebenen Lager zu kleinem Fleck im unebenen Auto (diesmal Skoda Fabia) braucht etwas. Doch der Körper muss zurückstecken. Ich seh schon, dass nebenbei wieder viele Beobachtungen und Einsichten gesammelt werden, die eine fruchtbare Beigabe zur jährlichen Bodenentwicklung ist.

Hab diesmal nur das Russland Visum vom Visadienst besorgen lassen. Das Weißrussland-Visum kann ich hoffentlich am 18. Mai in Berlin abholen. Zwischenzeitlich werde ich vom 13. bis 17. Mai in Bad Meinberg in der Küche mithelfen, da ist gerade Musik-Festival, zu dem ich schon lange mal hin wollte.
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Start von Berlin aus

Beitragvon kashiraja am Mo 18.05.2015 12:55


Inzwischen hab ich auch das Weißrussland-Visum. Hat alles wunderbar geklappt. Also fahre ich heute weiter, obwohl ich immer noch nicht ganz einsehe, warum ich dorthin reise. Bis Februar war ich noch Feuer und Flamme für die erneute Russlandreise. Zweimal hintereinander dasselbe Reisezeil mache ich sonst nie. Die Zeichen stehen aber so, dass es wohl seine Richtigkeit hat.

Das Musik-Festival bei Yoga-Vidya war schon ein Bereicherung. Das meiste kannte ich schon vom Yoga-Festival in Berlin her. Doch das auch bei Yoga Vidya zu erleben ist noch mal was anderes. Peia hat mir besonders gut gefallen.

Wie im letzten Jahr habe ich in Bad Meinberg wieder sehr viel positive Kraft getankt. Und nun, da ich das Visum für Weißrussland habe, ist auch die Reisebegeisterung da. Ich fahr jetzt dann gleich los und hoffe, dass ich bald nach Mitternacht über die Grenze nach Weißrussland kann (tagsüber ist die Wartezeit so lang), um am Donnerstag weiter in Russland einzureisen.
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Grenzübergang nach Weißrussland, erste Eindrücke des neuen L

Beitragvon kashiraja am So 31.05.2015 07:54

150 km vor Warschau merke ich, dass ich mehrere Anrufversuche von Zuhause verpasst habe und befürchte schon das Schlimmste. Als dann endlich die Verbindung klappt, erfahre ich, dass wegen einer Website, die ich für meine Tante erstellt hatte (http://www.klettergarten-moll.de), bei dieser eine Abmahnung wegen unerlaubter Nutzung eines Bildes eingegangen ist. Kosten über 1100 €. Meine Tante war natürlich etwas aus dem Häuschen. Um die Dinge diesbezüglich zumindest bis zu meiner Rückkehr zu regeln, ist etwas Aufwand nötig. Deshalb komme ich erst am Dienstag so um 14:00 Uhr zur Grenze bei Brest (in Polen nach einem unscheinbaren Kaff in der nähe der Grenze, Terespol benannt, was ziemlich verwirrend ist, wenn man es nicht weiß).

Letztes Jahr den Grenzübergang bei Bialystok empfand ich schon als in eine andere Zeit und Welt gehörig. Was ich hier erlebte, toppte das aber noch alles. Ich hatte mir vorgenommen, mir diesmal keine Krankenversicherung und Haftplichtversicherung aufschwatzen zu lassen (weil ich die ja schon hatte), doch diese waren hier gar nicht im Angebot. Dafür stand, nachdem ich die ersten paar Hürden in rund 90 Minuten hinter mich gebracht hatte, davon auf der polnischen Seite 10 Minuten, bei der letzten Station neben dem Zollhäuschen eine große, mechanische Waage, auf der ich den ganzen beweglichen Inhalt meines Autos wiegen sollte. Fand ich schon etwas komisch. Bei der Einreise nach Israel, musste ich auch mein ganzes Auto ausräumen, weil sie dort alles nach Bomben durchsuchen. Hier wusste ich nicht, was das soll, machte aber anfangs gute Mine zum bösen Spiel.
Es kamen fast neunzig Kilo zusammen, wobei ich freundlicherweise meine vollen Wasserflaschen und einige Kleinigkeiten nicht mitwiegen musste. Das ist aber nur meine normale Reiseausrüstung, die ich, falls ich das gewusst hätte (das Gesetz soll schon seit 2011 existieren) auf das entsprechende Maß hätte reduzieren können. Doch bei der Grenze Bialystok lief vieles anders.

Dann eröffnete mir die Zollbeamtin, dass jede Person 50 kg frei über die Grenze bringen kann, für jedes Kilo, das darüber hinausging, sollte man 4 Euro zahlen. Bei mir wären das also 150 Euro gewesen. Das war also eine Gelegenheit, meine Russischkenntnisse wieder etwas in Übung zubringen und ich sagte alles zu was ich mächtig war. Leider fiel mir das entscheidende Argument aber nicht ein, dass sich die gleichen Sachen wieder mit aus dem Zollverband mit Russland nehmen würde und dass ich dann das Geld wieder zurückbekommen müsste. Mein Unwille half nichts. Ich wurde nur vor die Alternative gestellt, entweder zahlen oder zurück oder eben das, was über 50 kg hinausgeht irgendwo stehenlassen, am besten zurück über die Grenze nach Polen zu bringen. Das ging ziemlich lange so hin und her und mich wunderte schon, was sich die Zollbeamten da alles gefallen ließen. Doch erweichen ließen sie sich nicht.

Schließlich kramte ich mein Mantra für diese Fälle hervor "Gott zahlt alles" und erklärte mich nach einem tiefen Schluck aus der Wasserflasche bereit, zu zahlen. Freundlicherweise zog dann die Beamtin das Gewicht für das Fahrrad noch ab, so dass ich für Übergewicht noch rund 80 Euro zahlen musste ...

Wahrscheinlich wäre das ganze mit 20 € Schmiergeld schnell zu lösen gewesen. Doch die hatten keine Andeutungen gemacht und mir liegen solche Methoden fern.

Am Ende hatte ich für die gleiche Menge an Formularen fast 20 Unterschriften geleistet und es waren fast 4 Stunden vergangen. Wer nicht weiß, was sinnlose Bürokratie (oder auch bewusst aufgebauchst Bürokratie, um anderen Zwecken als Effizienz und Handel und Wandel zu dienen) ist, hat hier das ideale Anschauungsmaterial. Für die Hilfe beim Ausfüllen der Formulare (so sagte mir jemand) musste man 4 Euro bezahlen. Als Wechselgeld bekam ich einen Bündel großer Scheine. zwei Fünftausender und 8 Fünfhunderter, der Gegenwert von rund einem Euro. Hier soll man sich wohl reich fühlen, auch wenn man wenig Geld hat.

Gut, nun war ich in Weißrussland. Doch wieder ein ganz anderes Gefühl. Ein ganz anderes Lebenstempo. Aus Brest heraus nahm ich gleich wieder eine Anhalterin mit. Eine sehr heruntergekommener weiblicher Körper, die über die niedrige Rente von 120 Euro klagte, in Brest gerade im Krankenhaus war und vom Bus, der eigentlich für sie frei ist, nicht mitgenommen wurde.

Auf der Weiterreise höre ich weiter Anna Karenina (die ungekürzte Gesamtausgabe mit 29 CD's hatte ich neben anderem Hörmaterial bei Jokers in Gießen entdeckt). Bin jetzt erst bei CD 2, weil ich jede CD zweimal anhöre. Mit dem CD Material, das ich dabei habe, hätte ich ohne Weiteres Unterhaltung bis nach Novosibirsk und zurück.

Novosibirsk war mein eigentliches Ziel für dieses Jahr gewesen, wozu ich aber ein 3 Monatsvisum gebraucht hätte. Da dafür aber die Preise nicht zuletzt auch für die Krankenversicherung ins Exorbitante gestiegen wären, hab ich mich wieder auf die 30-Tage Version reduziert, werde wohl nicht viel weiter als bis nach Wladimir kommen, wo der Retreat stattfindet, einige Städte des goldenen Rings besuchen, um über Petersburg und die baltischen Staaten wieder zurückzukommen.

Warum tue ich mir diese beschwerliche Reise eigentlich an. Diese Frage stelle ich mir jetzt auch wieder. Da Shibendu Lahiri diese Jahr auch in Deutschland eine Einweihung gibt, kann das nicht der Grund sein. Pilgern ist aber eine Form der Liebkosung oder Verehrung von Mutter Erde, der Frau, zu der ich immer wieder zurückverwiesen werde, die Frau, die mich auffängt. Außerdem ist mein Russlandhunger noch nicht gestillt. Reise ich durch Italien oder Frankreich, habe ich das Gefühl: "Das kenne ich alles schon". In Russland und hier in Weißruissland ist noch Staunen da und ein Gefühl des Verstehenwollens.
Eine weiter Antwort auf die Frage Warum ist die Friedensmission. Das sehe ich gleich die ersten Stunden in Weißrussland. Eine ganz andere Welt, die ziemlich abgeschlossen ist. An der Grenze fast nur Weißrussen. Die Polen interessieren sich nicht für den Osten. Die heute durchlebten Reisehemmnisse sind auch kein Anreiz für Handel und Wandel.
Doch durch Reisen bricht man diese verfahrene west-östliche Situation in kleinen homöopathischen Einheiten auf ...

Es ist schönstes Reisewetter und ich fahre in eine schmucke Kleinstadt, Ivanava, um darin noch bei Sonnenschein zu lesen. Hab aber dann doch vor allem Lust zum Schreiben. Als es zu Dämmern beginnt und Kühle über den Platz weht, geh ich noch in ein Lebensmittelgeschäft, ausgestattet fast wie die Geschäfte in Deutschland der 70 Jahre, mit Bedientheken. Erschreckend sind die Preise. So was wie Aldi gibts wohl hier nicht. Die Preise sind durchweg höher als man bei uns im reichen Deutschland für vergleichbare Produkte zahlt. Es gibt nur ausgewählte Produkte zu kaufen. Der große Laden nur halb mit Produkten ausgestattet.
Die Menschen sind freundlich, zuvorkommend und gut gekleidet.

Danach zieh ich mich nochmal wärmer an und quere in der Dämmerung die Straßen der Stadt, höre einen Klassiksender. Klassik passt zu diiesem Land. Man sieht nur vereinzelt Holzhäuser, vermehrt am Stadtrand.. Die Häuser sind nicht verputzt, von Isolierung keine Spur. Solange die Freundschaft zu Russland hält, ist das auch nicht nötig.

Am Stadtrand dünge ich noch etwas den unfruchtbaren Boden und setz mich in der Nähe eines großen Landwirtschaftlichen Betriebs, neben einem kleinen Teich, an dem gerade das schönste Quakkonzert im Gange ist. Sonst herrscht Stille, ab und zu brüllt eine Kuh oder fährt auf dem Schotterweg ein Auto vorbei. In der Ferne gelegentlich die Geräusche einer Eisenbahn. Hört sich auch ganz anders an, als Deutschland. Fühle mich in die Nachkriegszeit versetzt.
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Transit durch Weißrussland

Beitragvon kashiraja am So 31.05.2015 08:25

20. Mai

Noch an der Grenze hat mich eine E-Mail von Vera aus Russland erreicht. Sie teilte mir mit, dass in diesem Jahr auch in Deutschland eine Einweihung stattfinden würde und dass ich dort teilnehmen könnte. Ich bin zwar der, der diese Veranstatlung organisiert. Doch diese Mail setzte in mir einiges in Bewegung. Ich bin gar nicht so interessiert, die selbe Sache wie letztes Jahr noch mal mitzumachen, nur an einem anderen Orten. Mit meinem Pensum, 200 Kriyas, werde bis zur nächsten Einweihung in Russland auch nicht fertig, weil ich bei höherer Anzahl (ab 150) lieber mehr Pausen mache, damit das ganze nicht zu einer Qual ausartet.

Ich hab also hier ein Ausstiegsfenster. Ich schreib einfach zurück, dass ich lieber auf die Einweihung in Deutschland gehe, und fahre die 30 Tage meiner eigenen Nase nach. Vielleicht schaffe ich es ja doch bis Novosibirsk. Sobald ich wieder Internet habe, also morgen, wird das entschieden sein.

Am Morgen schau ich noch ins Haus der Kultur, vor dem ich übernachtet habe. Ein Bau aus sowjetischer Zeit, ziemlich heruntergekommen, der gerade generalüberholt wird, mit großen Sälen, Vorführungsräumen, Übungszimmern, Musikinstrumenten. In einem Teil wird noch musiziert und getanzt.

Auf der Weiterfahrt mache ich Halt, um in einem Moorgebiet mit vielen Gewässern, Schilf und viel begangen Pfaden, die wohl die allfälligen Angler eingetreten haben. Das Wasser ist noch sehr kalt, obwohl es in der Sonne über 30 Grad hat. Da alles so schlammig, gehe ich nicht Baden.

Bei einem Abstecher in den Wald bleibt das Auto im sandigen Boden stecken und ich muss den Rückzug antreten. Beisende Ameisen zwingen mich dazu, mir einen Platz auf dem Autodach einzurichten. Und dann gibt es da noch so kleine Mücken, andere, als man sie bei uns kennt, die auch ständig an einem herumbeißen.

Vor Gomel nehme ich noch eine 21-jährige Anhalterin mit Kleinkind mit, die sich über ihr bitteres Leben beklagt, aber sonst ganz frohgemut ist. Sie hat 10 Geschwister, findet keine Unterstützung der Familie, Geschwister und Freund und Freundeskreis geben sich dem Trunk hin. Wenn man Arbeit hat, bekommt man nur soviel, dass man eine Wohnung bezahlen kann.

Ich fahre bis zur Grenzstation, weil ich denke, dass die Russen vielleicht so locker sind, mich ein paar Stunden früher ins Land zu lassen. Der Chef wird jedoch ziemlich wild und schickt mich wieder zurück.

Ich verbringe eine ruhige Nacht im Wald und träume davon, bis nach Novosibirsk zu fahren.
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Über Briansk nach Moskau, 21 Mai

Beitragvon kashiraja am So 31.05.2015 08:49

Auf dem Weg nach Brijansk streife ich etwas durch ein Dorf an der Hauptstraße, um mir Löwenzahn fürs Mittagessen zu holen. Die alten Leute, die dort noch mit ihrem Kleinvieh leben, holen sich ihr nicht besonders gut schmeckendes Wasser noch von automatischen Pumpbrunnen.

In Brijansk kaufe ich eine Sim-Karte, checke die E-Mails und sehe, dass die E-Mail der Einweihung in Deutschland betreffend nicht an mich gerichtet war, sondern an einen Bjjörn aus Norwegen, die mir als Kopie zugesandt wurde. Damit sind die Würfel gefallen. Da ich mich zu dem Retreat schon angemeldet habe, werde ich dahingehen, obwohl ich nicht besonders scharf darauf bin, die Leute dort wiederzusehen.
In einem Monat nach Novosibirsk und zurück bleibt eine Option für ein anderes Jahr.

Die Fahrt nach Moskau wird wegen der vielen Baustellen und der schlechten Straße zur langwierigen und abenteuerlichen Ralley. Warum muss Putin so viel Geld in Protzprojekte stecken und kann nicht einmal für anständige Straßen sorgen. Auffällig sind die vielen Blumen und Kreuze für die Verunglückten, manchmal kommt es mir vor, als markierten sie jeden Kilometer. Bei diesem Straßenzustand und dem Verkehr, um ein Vielfaches dichter als in Weißrussland, und der Fahrweise der Russen verwundert mich das nicht. Platz für breite zweispurige Straßen wäre genügend.

Letztes Jahr hatte ich mich auf den Friedhöfen gewundert, warum dort so viele Männer mittleren Alters lagen und hatte schon vermutet, das wäre ein Tribut an den Wodka. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass das hauptsächlich Opfer des Straßenverkehrs sind. Letztes Jahr an meinem vorletzten Tag in Russland hab ich selbst einen toten Biker noch im Sturzhelm aber in ganz verdrehter Stellung an einer Kreuzung liegen gesehen ... den ersten Toten, den ich überhaupt bisher im Straßenverkehr gesehen habe.

Diese Straßenverbindung vom Süden her ist um einiges schlechter als die über Smolensk.

Ein Tag der Ernüchterung. Ich war schon so weit den Russen ihren eigenen Weg mit Autokratie und Korruption zuzusprechen. Die Verkehrsführung ist jedoch primitiv und teilweise pervers, der Zustand der Straßen erinnert stellenweise an indische Verhältnisse, .. dass ich mich Frage, ob das wohl der Zoll dafür ist, dass nicht Eignung sondern Beziehung über Jobvergaben entscheiden und Projekte nicht nach Maßgabe der Vernunft sondern korrupter Interessen angestoßen werden ... Leidtragender ist das einfache Volk. Shamil sagt mir später einen dazu passenden Spruch. Bei euch sagte er, arbeitet die Regierung für das Volk, bei uns gegen das Volk. So ist auch die Metro längst renovierungsbedürftig und gegenüber der Feingliedrigkeit und ruhigen Fahrt des Berliner Netzes, sehr rückständig. Auf der Fahrt wird man durchgeschüttelt, dass man nicht richtig in einem Buch lesen oder am Computer arbeiten kann. Vorteil ist aber, dass man wegen der wenigen Haltestellen schneller ans Ziel gelangt ...
Shamil fragt mich auch, ob der Westen daran interessiert ist, Russland zu zerstören. Das sind ja die Thesen, die Putin im Land verbreitet ...

Verschwitzt komme ich um halb 11 bei Raitschka an. Dort ist wieder Shamil aus Grozny, ein Andrey aus Weißrussland und Tolik. Nach ein bisschen Begrüßung geht’s gleich ins Bett -- Putin hat in Russland aufgrund von autokratischer Entscheidung die Sommerzeit abgeschafft ... Früher aufstehen hilft leider nicht immer, da die Veranstaltungszeiten gleich geblieben sind.
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Moskau - Raitschka, Einführungsveranstatlung - 22. Mai

Beitragvon kashiraja am So 31.05.2015 12:50

Die Leute Leben hier, verhungern nicht, doch der Mangel spricht aus allen Lebensgeschichten. Andrey verkauft im Straßenverkauf 14 Stunden am Tag Getränke. Tolik, ein Bauarbeiter aus dem Gebiet zwischen Sotschi und Rostock na Dany, hat eine Verletzung am Fuß, womit er in Deutschland locker viele Wochen krankgeschrieben werden würde. Er schleppt sich aber zu einem Schreibtischjob, der auf seinen Fall zugeschustert wurde.
Sie wollen wissen, was man in Deutschland verdient und als ich ihnen vom Mindestlohn erzähle und dass die Lebensmittel bei uns billiger sind als bei ihnen, fangen sie zu rechnen an ...

Shamil führt irgendwelche undurchsichtige Bankgeschäfte beklagt sich aber, dass Grosny nun zwar eine schöne Stadt mit großen Gebäuden sei. Seine vier Söhne hätten aber alle keine Arbeit: »Was nutzen uns die Protzbauten. Wir wollen Arbeit.«
Für Raitschka hat Shamil (ein Moslem, der vor Frauen allgemein wenig Achtung zu haben scheint) überhaupt kein Verständnis und erklärt sie ernsthaft für verrückt.

Nachdem Shamil fort ist, erklärt mir auch Raitschka im Vertrauen und ernsthaft, dass Shamil verrückt sei ...

Ganz andere Geschwindigkeiten, ganz andere Gesellschaften. Ob aber Putin und Genossen diejenigen sind, die die Angleichung verhindern oder Putin der ist, der aus einem unselbstständigen Volk das Möglichste herausholt, darüber lässt sich streiten.
Wie es jetzt ist, kann es zwar nicht bleiben, doch möglicherweise ist es ein notwendiger Zwischenschritt.

Diese Unterschiede in der gesellschaftlichen Entwicklung bilden die Ursache für den neuen Kalten Krieg und da schaffen keine Politikergespräche Abhilfe. Viel mehr Austausch wäre nötig. Meine Reise kann ich also ruhig als ein Art Friedensmission deklarieren. Um Nachahmung wird gebeten ...

Nach einem geruhsamen Morgen mache ich mich zusammen mit Raitschka auf den Weg. Sie will mir verschiedene Dinge zeigen, was allerdings nicht so interessant ist: Institute, Bibliotheken, Museen, aus Veranstaltungen wird nichts. Diese Frau strapaziert schon etwas die Nerven.

Diese Raitschka erscheint mir als Sinnbild für das Scheitern des Kommunismus (der ja eine allgemeine Lebenserscheinung und auch bei uns noch weit verbreitet ist). Sie ist gebildet aber obrigkeitshörig, setzt sich ans Klavier und spielt schwierige Stücke auswendig, hat ein ganz schönes Repertoire. Sie nutzt das staatlich geförderte Kulturangebot, sie braucht nicht zu hungern. Doch das reicht eben nicht für eine gesunde Entwicklung. Das trägt nur bis zu einem bestimmten Grad und da scheint die Raitschka angekommen zu sein. Dann wird man neurotisch und schmeißt Psychopharmaka ein. Auf der Verpackung ihrer Pillen steht alles, was ich für die Wirkung von Kriya-Yoga aus Erfahrung guten Gewissens unterschreiben würde, dass beim Einwurf von Psychopharmaka irgendein Haken dabei ist, da bin ich mir sicher:
- verringert psychoemotionalen Stress, Agressivität, Streitsucht, erhöht die soziale Anpassungsfähigkeit
- erleichtert das Einschlafen und normalisiert das Träumen
- erhöht das geistige Arbeitsvermögen
- verringert die Störung vegetativer Gefäße
-
Um sechs trennen wir uns. Ich lese in einer Bibliothek noch etwas Anna Karenina auf Russisch. Raitschka besorgt mir aus einer anderen Bibliothek eine russische Ausgabe. Tolstoi ist in Russland zuhauf vorhanden und hat keinen Wert.

Zur Einführungsveranstaltung am Abend mit Shibendu Lahiri versammeln sich in einem Vortragssaal (über dem eine Tanzveranstaltung mit lauter Musik stattfindet, der letztjährige Sponsor ist nicht da und die diesjährige Organisatorin, Vera, musste sich wohl um einen günstigeren Ort umsehen) rund 100 Menschen. Die Energie ist gut und ich sehe den Sinn meines Hierseins darin, dass ich zum Gelingen der Veranstaltung meine bescheidene Energie mit einbringen kann.

Danach noch mit dem Rad zum roten Platz und zur Brücke an den Ort, an dem Boris Nemzow ermordet wurde. Das ist wirklich in unmittelbarer Nähe zum Kreml, ein Gedenkort mit Blumen und Informationstafeln, der hoffentlich noch lange bestehen bleibt.
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1. Einweihungstag - 23. Mai

Beitragvon kashiraja am So 31.05.2015 13:55

Der Beginn der Einweihungsveranstaltung ist um 9 Uhr morgens angesetzt. Wir treffen uns ein Stockwerk höher als gestern im Tanzsaal. Alles etwas heruntergekommen und nicht gerade spirituell. Für die rund 80 Teilnehmer gibt es nur eine Toilette, vor der ständig eine Schlange steht.
Ich habe Stromanschluss und Internet, so fühle ich mich sehr wohl und kann im Kopf die von mir in Deutschland organisierte Veranstaltung durchspielen, was noch umzuplanen ist, was die Knackpunkte sind, was noch mit Guruji zu klären ist und ich merke, dass es doch sehr wichtig und hilfreich ist, dass ich hier noch mal mitgemacht habe.
Alles ungefähr gleich wie im letzten Jahr, nur etwas kleiner und eine unangenehmere Ambiente.

Es zögert sich alles etwas hinaus. Um 5 nachmittags müssen wir den Saal verlassen, ich fahre auf den Roten Platz, esse eine Büchse Erdnüsse und beobachte noch ein wenig die Generalprobe für die morgige Kulturfestfeierlichkeit. Dafür ist eine riesige überdachte Bühne mit hunderten von Musikern aufgebaut. Die Texte strotzen nur so von Nationalismus und Selbstbeweihräucherung ... Dem Volk gefällt das aber offensichtlich.

Heute ist die Nacht der Museen mit verbilligtem Eintritt. Leider stehen aber vor allen interessanten Museen lange Schlangen von Einlasswilligen, was nur erlaubt wird, wenn wieder jemand die Ausstellung verlässt.

So treffe ich mich mit Raitschka vor einen Institut, das den Russen im Ausland gewidmet ist. Dort gibt es kostenloses Konzert mit einer Sängerin und einer Gitarrengruppe mit Sängerin und zwei Filmvorführungen. Einer der Filme über den zweiten Weltkrieg ist zumindest nicht so egozentrisch wie so vieles hier, es werden auch Interviews mit Amerikanern, Franzosen, Deutschen, Engländern gezeigt.

Am Abend stelle ich mir die Frage, was mir der Shibendu Kriya II der mich viele Monate ganz in Anspruch genommen und auch zeitweise getragen hat, in dem Jahr gebracht hat. Da waren keine spirituellen Erlebnisse außer der tiefen Glückseligkeit, die diese Übung in der Regel hervorbringt und der Einsicht, dass Glückseligkeit nicht alles ist. Das dritte Auge habe ich das ganze Jahr nicht gesehen (was darauf hindeutet, dass mit dieser kraftvollen Übung auch entsprechend viel Inkrustationen produziert werden). Man muss sich auf die Übung einlassen im Vertrauen auf den Gewährsmann des Lehrers. Allerdings glaube ich schon klar zu erkennen, dass ich eine neue Stufe der Unabhängigkeit und Selbstständigkeit erreicht habe, dass ich immer mehr fähig bin, meinen Ashram und heiligen oder Kraftort mit mir mitzunehmen, denn Gott ist ja überall.
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So 24 Mai, Roter Platz, nördlicher Kunsangar

Beitragvon kashiraja am So 31.05.2015 14:11

Den zweiten Einweihungstag erspare ich mir heute, denn ich will noch ein bisschen Moskau erleben und abends auch noch in dem buddhistischen Zentrum vorbeischaun, in dem ich letztes Jahr zwei schöne Wochen verbrachte.

Um zehn ist Rote Platz ist mit großem Sicherheitsaufgebot abgeriegelt und nur über Schleusen mit Einzelkontrolle zugänglich. Ich bin zwei Stunden zu früh dran, sichere mir einen Platz ganz vorne an der Bühne und lese in Anna Karenina, womit ich gut in die russische Welt des späten 19. Jahrhunderts eintauchen kann und vor allem mein noch immer dürftiges Russisch zu verbessern suche.

Es ist heute der Tag slawischen Gesangs und Kultur. Der Chor hat eine Stärke von rund 2000 Stimmen, das Orchester ist rund 200 Mann stark. Um 12 beginnt die Vorstellung mit einer Ansprache von Kirill, dem orthodoxen Patriarchen. Dann tritt eine Choriphähe der russischen Musikszene nach der anderen auf, um ein Repertoire des nationalen Liedschatzes vorzutragen. Es gibt viel Volksmusik. Teilweise wimmelt es aber nur so von Ausdrücken wie Volk, Vaterland, Ehre, Heimat, Sieg, unbesiegbar, Heimaterde, Russland, Heil, Stolz ... viele Marschklänge

Viele dieser Melodien und Texte stammen noch aus der Sovjetzeit.
Alles gut gemacht und auch ganz ergreifend, doch hatte ich den Eindruck, dass der Aufwand etwas übertrieben war. So viele Zuschauer waren nicht gekommen, wohl auch weil der Wetterbericht Sturm und Regen vorhersagte, der aber erst später ankam ...

Bevor ich weiterfahre, hole ich mir wieder Wasser aus der Quelle im Kolomenskajer Park.

Auf dem Weg nehme ich einen Anhalter aus Wladimir mit, der mir erzählt, er sei Vegetarier, aber Atheist. Er teilt sich eine Wohnung mit drei Freunden, die auch Vegetarier sind. Motivation: Das ist gerechter.

Als ich im Severnui Kunsangar, dem nördlichen Kunsangar, Mitglied der internationalen DZONGCHEN-GEMEINSCHAFT ankomme, streife ich erst mal durchs Gelände. Drei neue Häuser sind inzwischen hinzugekommen. Im Speisesaal laufen Renovierungsarbeiten. Alles ziemlich ausgestorben. Viele Erinnerungen vom letztjährigen Aufenthalt kommen hoch. In der kleinen Halle (die Kugelhalle, die wir letztes Jahr gebaut haben, ist abgeschlossen) findet offenbar eine Life-Übertragung einer Abendveranstaltung in einem anderem Zentrum (in Moskau?) statt. Ich hab mich schon fast entschlossen wieder zu gehen, da setz ich mich zur Meditation hin und es ergreift mich die starke Energie, die ich ja auch im letzten Jahr hier verspürte. Ich meditiere auch während eine Gruppe die Gesellschaftstänze tanzt. Als diese fertig sind, stößt mich jemand an und vor mir stehen die Utensilien für die Ganaputscha (ein bisschen Rotwein und ein Plastikteller mit Wurst, Käse ein bisschen Brot, einer Olive und einer Praline), die ich im letzten Jahr ja nur von außen beobachtete. Ich setz mich also dazu und mache diese Zeremonie, an die ich mich nur noch schwach erinnere mit. Ziemlich kompliziert, viele verschiedene Texte (in der Art von Sanskritmantren), die gemeinsam rezitiert werden und Gesten und Bewegungen, keinerlei stille Meditation, sodass mein Körper nicht zur Ruhe kommen kann, weshalb mir auch bald die Beine schmerzen und ich sie öfter tauschen muss. Das ist also überhaupt nicht das, was ich liebe und für richtig und gut halte, so dass ich mir sage, da werde ich wohl nicht wiederkommen, außer wenn ich in der Masse untertauchen und nebenher mein eigenes Ding machen kann. Denn die Energie ist trotzdem sehr stark ...

Diese Energieerfahrung relativiert dann auch wieder meine Einsicht vom Freitag ...

Danach sitzt man hier noch locker beisammen. Ich werde in den Kreis aufgenommen, wir tauschen Erinnerungen aus. Ich erkenne zwei bekannte Gesichter. Einige erinnern sich noch an mich. Diese Russen haben etwas sehr Angenehmes an sich und ich glaube zu erkennen, was Rudolf Steiner gemeint hat: Wenn der Russe mal seine Lethargie und seinen Materialismus überwunden hat, kommt seine spirituelle Kraft zum Vorschein. Damit gleicht er ein wenig dem Inder.
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Ankunft in Ferienlager, Retreat-Beginn Mo 25. Mai

Beitragvon kashiraja am So 31.05.2015 14:52

Es gibt ja den Pseudowitz, dass eine Frau die Nachbarin fragt, was ihr Sohn jetzt treibe. Als diese antwortet, der meditiert jetzt, kommentiert die andere. Ich weiß zwar nicht, was das ist, doch das ist zumindest besser als dumm herumzusitzen und nichts zu tun. Ein Eingeweihter wird darüber nicht lachen, denn in Wirklichkeit ist ja Mediation, das schwimmen gegen den eigenen Energiestrom, die einzige Tätigkeit, die ein bleibendes Ergebnis hervorbringt. Alles andere ist also Trägheit. Meditation ist die einzige wirkliche Aktivität. Alles andere ist Vorübung.

Mit meinem Auto stehe ich 50 m vor dem Tor zum buddhistischen Retreat-Zentrum. Um halb 10 läuft an mir jemand in volle Montur eines indischen Saddhus vorbei (außer dass er noch einen größeren Rucksack dabei hatte, der war aber im gleichen Ockergelb wie alles, was er bei sich trug.

Nach einem abschließenden Spaziergang zum Fluss mache ich mich nach einigen geruhsamen Stunden um 14:00 Uhr auf den Weg.

Wladimir liegt auf der Höhe eines Prallhangs des Flusses Kliyasma. Endlich mal etwas Abwechslung in der Landschaft mit Aussicht in die Ferne. Was ich bisher in Russland an Natur gesehen habe, ist sehr eintönige Waldweite. Kein Wunder, dass sich die Russen den Begriff »Landschaft« aus dem Deutschen geborgt haben und das ist wohl auch ein Grund, warum die Russen so scharf auf die Krim sind.

Turbasa Ladoga ist kein spirituelles Zentrum wie das letzes Jahr der Fall war. Die Touristenbasis mit vielen Gebäudekomplexen, einige renoviert andere dem Verfall preisgegeben, liegt ein paar Kilometer außerhalb von Wladimir im Wald an einem Altwasserarm des Flusses Kliyasma. Wir sind dort nicht die einzige Gruppe. Eine riesige Anlage schlecht organisiert. Als Versammlungsort steht uns ein nicht genutzter Speisesaal zu Verfügung, in dem die Tische zur Seite geräumt sind. Keine gute Atmosphäre, die Energie ist aber trotzdem gut und man gewöhnt sich ja an alles.

Das Essen ist relativ dürftig, wie das indische der billigeren Kategorie, nur nicht so würzig. Der Preis 150 Euro für 6 Tage mit zwei Mahlzeiten ist gegenüber dem Preisleistungsverhältnis bei Yoga-Vidya der reinste Wucher.
Ich bekomme ein Bett in einem einstöckigen Haus mit mehreren Zimmern insgesamt 9 Personen, zwei Klos, eine Dusche, nur ein Wasseranschluss.
Kein Internet, wenige Steckdosen.
Es sind viele bekannte Gesichter vom letzten Jahr da.
18:00 Uhr erste Zusammenkunft mit Vorstellung des Programms:
Der Tagesablauf und das Programm ist fast gleich wie im letzten Jahr. 6:30 Wecken, dann gemeinsame Praxis. 8:30 Frühstück, 9:30 Erste Lehreinheit anhand eines Heftes mit ausgewählten Botschaften Shibendus, halbe Stunde Pause, 13:00 Uhr Essen. 15:30 Uhr erste Nachmittagseinheit. 17:00 30 Minuten Pause danach die nächste Nachmittagseinheit, Abendessen und zum Abschluss Gesang und Tanz. Die Zeiten weichen aber oft weit von den Vorgaben ab, da sich alles nach der Uhr des Meisters richtet.

Ich fühle genau wie zum indischen Wesen auch eine tiefe Verwandtschaft zum russischen..

Am Abend gleich Tanz und eine Volkloresängerin gibt Russisches Liedgut zum Besten.

Die Betten sind ultra weich, ich lege Hose und Handtuch unter, wache aber mehrmals in der Nacht auf.

Kein Obst (vielleicht zum Frühstück, das ich mir erspare) wenig Gemüse.
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Erste Lehreinheiten, Volleyball, Mutterenergie - Di 26. Mai

Beitragvon kashiraja am So 31.05.2015 15:12

Um 10 beginnt der Affenritt durch die Botschaften. Mit nur weniger Erläuterungen werden die Texte auf Russisch sehr schnell vorgelesen.
Zum Abschluss des Vormittagsprogramms kommt es noch zu einer amüsanten Episode. Dima ist ein langjähriger Anhänger und Devotee. Er ist Arzt, hat alles was er braucht, nur keine Frau. Auf sein Dilemma hatte Guruji auch schon am Samstag hingewiesen. Nun geht er so weit, eine Heirat zu arrangieren. Er ruft Dima und eine recht hübsche Russin, die auch keinen Partner hat, nach vorn und fordert sie schließlich auf, sich zu umarmen und zu küssen. Gleichzeitig zieht er über die westliche Art der Paarfindung her und preist die indischen arrangierten Heiraten an.
Unter Geklatsche kommt es wirklich zum Kuss. Den ganzen Tag über gehen die Bemühungen weiter, die beiden einander näher zu bringen.

In der Mittagspause mache ich mich auf die Suche nach einem schöne Plätzchen zum Lesen. Viel Reiz bietet die Landschaft nicht. Fahrradwege Fehlanzeige. Die Waldwege sind Buckelpisten und das ist wohl auch der Grund, warum die Russen so auf Geländewagen stehen. Fahrradwege, Liegewiesen oder Badestrände am Fluss Fehlanzeige. Am Fluss viele Stechmücken. Schließlich werde ich am Altwasser in der Nähe einiger Bauernhütten fündig. Da gibt es auch einen Steg und ich gehe das erste Mal in diesem Jahr schwimmen. Ich lese auch einige der Texte nach und erkenne schon einen Unterschied zum letzten Jahr. Ich verstehe leichter und schneller.

In Russland hat der Mensch viel weniger in die Natur eingegriffen. Das erschwert einerseits die touristische Nutzung. Andererseits macht das die Natur auch reizvoll. Wo er allerdings in Russland improvisierend eingegriffen hat, bleiben unschöne Spuren zurück. Bei uns ist ja die ganze Natur vom Menschen überprägt. In Russland wuchert alles, natürlich gibt es viele Bauruinen, die auch nur überwuchert werden. Es gibt keinen Rückbau und leider viel Müll.

Am Nachmittag geht der Affenritt durch die Texte in noch schnellerem Tempo weiter. So was ist in Russland vielleicht annehmbar. In Deutschland könnte man das einem Publikum nicht bieten. Ich würde es zumindest niemandem zumuten. Man müsste mich also schon sehr bitten, bis ich in Deutschland so einen Retreat organisieren würde oder mich daran beteiligen würde. Hier in Russland hat das Ganze das Gute an sich, dass es für mich eine gute Sprachübung ist. Ob ich das aber noch mal mitmache, ist fraglich.
Weil für den nächsten Tag um 4 Uhr wieder das Anhören einer Musik zur Mutterenergie angesagt ist, wird das Tanzen auf die Lehreinheit vor dem Abendessen verlegt. Der Abend ist frei und ich spiele nach dem Abendessen mit den Leuten einer anderen Gruppe Volleyball.

Von frühem Zubettgehen keine Spur. Es wird Geburtstag gefeiert. Als ich dann endlich schlafe, werde ich wieder geweckt und meine zwei Zimmernachbarn unterhalten sich noch angeregt laut. Nach einiger Zeit gehe ins Auto zum Schlafen, wo ich auch die restlichen Nächte verbringe. Typisch russisch, denke ich mir. Tun etwas Ungehöriges und wundern sich, dass man darauf reagiert. Krim und Ukraine das gleiche Schema.

Im Auto liege ich besser. Deshalb bin ich gar nicht scharf darauf in einem Hotel zu schlafen. Man zahlt dafür, dass man schlecht schläft und die hygienischen Verhältnisse sind nie besser als die Natur sie bietet.

Den Wecker zur Mutterenergie überhöre ich ... (Wäre auch nur das einstündige Anhören einer Musik gewesen, die man nur von 4 bis 5 Uhr morgens hören soll.)

Noch etwas, das mir zu den Russen in den Sinn kommt: Die Russen sollten doch erst mal ihr eigenes Land urbar machen, bevor sie über sich hinausgreifen. Der Russe gebärdet sich wie ein unbeherrschtes Kind, das den Inhalt des Magens noch nicht verdaut hat, aber immer noch was hineinstopft.
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Sanskrit, indischer Tanz, arrangierte Ehen Mi. 27. Mai

Beitragvon kashiraja am So 31.05.2015 15:27

Das Leben wird dann uninteressant, wenn man sich nicht an die von Banausen aufgestellten Regeln hält.

Die erste Lehreinheit eine Anhäufung etwas spirituell angehauchten Allgemeinplätzen und falscher Schlussfolgerungen aufgrund von falschen Informationen. Was Ennio Nimis über Shibendu Lahiri sagt, ist in diesem Licht nur gerechtfertigt. Doch kann ich auch nur das wiederholen, was mir schon letztes Jahr in den Sinn gekommen ist. Dass Shibendu Lahiri hier eine gute Arbeit leistet und die Leute hier im Grunde froh sein können, wenn sie von ihm etwas Weisheit aufschnappen können. Auch wenn Shibendu Lahiri mitunter etwas Unsinn verzapft, ist vieles doch sehr gut. An seine Sticheleien gegen andere Organisationen, Gurus, Lehrer etc. wodurch er nur seine Verhaftung im Dualismus kundtut, gegen die er ständig predigt, gewöhnt man sich. Das Angebot in Russland scheint doch noch recht dürftig zu sein und das hier gehört sicher zum Besten.

Ich freue mich schon auf die zweieinhalb Wochen Freiheit, die ich ab Sonntag in Russland genießen werde. Guruji erkundigt sich oft nach mir, ob ich in den Sitzungen anwesend bin und das bin ich i.d.R. auch ....

Dann wird der Unterricht doch sehr gehaltvoll. Gestern haben wir 15 Seiten durchgenommen, heute nur drei. Besonders die Shandilya-Bhakti-Sutras sind sehr tiefgreifend.
Guruji zeigt auch sein Sanskrit-Wissen und das scheint mir doch eine Grundnotwendigkeit für das Eindringen in die indische Weisheit zu sein. Wie wäre es, wenn ich in der Schule nicht Latein, sondern Sanskrit gelernt hätte. Dann hätte die Auseinandersetzung mit den Sanskrittexten auch einen Sinn. Doch nur vorgekautes wiederzugeben, daran hab ich kein Interesse. Das wäre ein Vorschlag für die Änderung der deutschen Gymnasiallehrpläne, dass statt Latein und Griechisch auch Sanskrit angeboten wird. Dann könnte man ganz anders mit den indischen heiligen Schriften umgehen.
Dass man aber auch mit viel Sanskrit-Kenntnis und Textgelehrtheit nicht verwirklicht sein muss, dafür gibt es viel Anschauungsmaterial, nicht zuletzt hier. Doch die Texte tragen die Weisheit in sich.
Andererseits kann man auch ohne diese Sanskrit-Kenntnis sehr weit kommen, siehe Paramahansa Yogananda.

Dima oranisiert am Abend eine indische Tanzvorstellung einer Russin die 6 Jahre in Indien indischen Tanz studierte. Es scheint inzwischen klar, dass es mit der Heirat zwischen Dima und Ala wohl nichts wird. Guruji beklagt sich einerseits über Dima, andererseits bedauert er, dass er Ala in eine peinliche Situation gebracht hat. Das nimmt ihm hier aber niemand übel. Es scheint hier viele Frauen zu geben, die froh wären, einen Partner zu finden.
Das ist wieder mal ein deutlicher Hinweis auf das Nichtvorhandensein von Gurujis Verwirklichung. Andererseits muss man auch zugeben, dass er kein Guru-Gehabe an den Tag legt und auch keine Unterwerfung verlangt.

Dass die indischen arrangierten Ehen besser als die europäischen sind, möchte ich auch bezweifeln. Die Paarfindung ist ein säkularisiertes spirituelles Training, das den Menschen bei arrangierten Ehen vorenthalten wird.
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Exkursion, Meditationsenergie - Do. 28. Mai

Beitragvon kashiraja am So 31.05.2015 15:34

Heute fahren wir mit drei Kleinbussen und einigen Autos auf Exkursion zu einem Frauenkloster in der Nähe von Wladimir (rund 5 km Richtung Nishni Novgorod), in dem die Nonnen auch aufs Gerüst in der Kuppel steigen und dort arbeiten. Von dort geht’s zur romanischen Kapelle aus dem 12. Jh. auf einer Anhöhe der Schwemmebene des Flusses Klyasmar. Dort gibt es auch eine kleine Lehreinheit.

Nach der Mittagspause bin ich zunächst müde und fühle dann eine starke Meditationsenergie, die ich auch nutze. Vom Unterrichtsstoff bekomme ich kaum etwas mit. Das hält bis ungefähr 9 Uhr abends an. Zum Tanzen habe ich heute keine Lust.
Über den Grund dieser Energie kann ich nur spekulieren. War dort an der Kapelle ein Energiepunkt. Ich hatte dort nicht meditiert. Vielleicht fahr ich noch mal hin, um das zu überprüfen. Oder war es die Schar von Kindern, diejenigen, die in 30-40 Jahren dieses Land regieren werden, mit denen ich einen kurzen Wortwechsel hatte. Oder waren das nur die Wallnüsse, die ich nach dem Mittagessen noch gegessen hatte. Oder waren es die 1000 Namen Gottes die heute auf dem Programm standen und die Guruji im schönsten Sanskrit rezitierte?

Abends fängt es zu gewittern an und das Wetter mit Regen hält bis zum Morgen an. Zweimal schlägt der Blitz in unmittelbarer Nähe ein.
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Vorbesprechung zur Einweihung, Osho - Fr. 29. Mai

Beitragvon kashiraja am So 31.05.2015 15:42

Es geht weiter mit den Tausend Namen Gottes, bis Mittag kommen wir bis 122. Ich lasse mich auf die Liste für die höhere Einweihung eintragen. Nach dem Mittagessen ist dazu eine Vorbesprechung mit dem Meister.

Diesmal lässt sich Guruji nichts vorführen, fragt aber eingehender über den Verlauf der Übungsreihen nach und erkundigt sich dazu im Einzelnen. Zwei Bewerber werden dadurch aussortiert. Es bleiben noch 13 - 2 für Amantrak, 5 für Samantrak und die Verteilung für die noch höheren Stufen weiß ich nicht, da wir wieder den Saal verlassen, sobald unsere Stufe dran war.
Als ich am Nachmittag von meinem Uferplatz von der verlängerten Mittagspause zurückkehre, sehe ich Dima und Ala sich hinter dem Zaun küssen in der anschließenden Lehreinheit fehlen beide ...

In der Pause in der Nachmittagslehreinheiten kommt es zu einem Wortwechsel, bei dem ein Teilnehmer Guruji sagt, er erkenne Gedankengut von Osho bei ihm. Das geht etwas hin und her. Guruji gibt auch zu, dass er zur Entspannung Oshos Vorträge auf Hindi anhöre. Er preist Oshos Hindi als ausgezeichnet an. Guruji wurde von Osho auch einmal zu einer persönlichen Abendunterhaltung mitgenommen, als er ihm nach einem Vortrag einmal einige Fragen stellte.
Der Wortwechsel mit Sascha artet in ein Geschrei aus, weil Sascha die Belastungsgrenze von Guruji nicht kennt, Guruji verbietet dem Frager seine aufdringlichen Fragen, schickt ihn fort, will aber offensichtlich nur, dass Sascha ruhig ist und keine Argumente mehr vorbringt. Guruji erklärt, warum er so schreit. Er hatte das mal bei Krishnamurti beobachtet und bewunderte das.
Am Abend gebe ich Igor noch etwas Audiomaterial der SRF (Vorträge und Musik) und auch noch etwas aktuelle spirituelle Musik aus Deutschland ...

In der Nacht ist auf dem Gelände bis 2 Uhr nachts laute Disko-Musik.
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Einweihung in Samantrak, Hanuman Pucha,

Beitragvon kashiraja am So 31.05.2015 15:56


Deshalb schlafe ich länger und mache, um die Meditation abzukürzen, Yoganis Yoni-Kinnpumpe zum zweiten Mal wieder nur einmal jede Richtung und wieder mit erstaunlicher Wirkung.

Dann gleich in die Einweihung. Die Wiederholung von Amantrak für die zwei Kandidaten dauert ungefähr 90 Minuten. Samantrak auch 45 Minuten. Es ist auf jeden Fall besser, die Einweihung in die höheren Kriyas im Rahmen eines Retreats zu empfangen, das ist viel ausführlicher und es wird besser erklärt. Im Rahmen der normalen Einweihungsveranstaltungen wie in Milano oder im September wohl auch in Bad Meinberg (http://kriyayogalahiri.de/) wird das nur ein Gehudele.

In der Vorbesprechung verweist Guruji auch einer Frau des Saals, die bereits in Thokar eingeweiht ist. Er behauptet, sie habe nichts verstanden und es sei sein Fehler gewesen, sie solange mitzuziehen. Durch kein Bitten und Betteln lässt er sich erweichen. Meist reicht es aber, wenn man auf seine Ausfälligkeiten nicht reagiert und nur demutsvoll weitermacht.

Obwohl ja Ennio Nimis behauptet, alle Techniken zu offenbaren, besteht doch ein ziemlicher Unterschied zu dem, was man bei ihm erfährt und vor allem hat man nicht das Übungsprogramm und die Aufgabe, das Ziel und den Ansporn. Man hat den ganzen Wald, sieht jedoch die Bäume nicht und vor allem ist der Weg nicht klar erkennbar. Hier hat man klare Vorgaben, die erst mal zu erfüllen sind. Man weiß zwar Anfangs nicht, wohin der Weg führt. Doch nach einigem Ausprobieren, bekommt man ein Gefühl dafür und kann einschätzen, ob die Ergebnisse für einen gut sind oder nicht. Bei Nimis fängt man vor lauter Verworrenheit und Unsicherheit gar nicht an. So war das zumindest bei mir. Dass in diesen Techniken und diesem Programm viel steckt, wurde mir bald klar. Deshalb hab ich Guruji auch im letzten November nach Deutschland eingeladen und deshalb möchte ich die Einweihungsstufen bei Shibendu Lahiri - solange das noch möglich ist - machen. Auch wenn beim Retreat nicht alles so rosig ist. Schlechter als ein üblicher Lehrer in Deutschland ist das hier auch nicht. Für das, was er macht, braucht man auch keinen erleuchteteren Meister.
Samantrak ist so ziemlich Dasselbe wie Amantrak nur mit Mantra, was die Bezeichnungen auch aussagen.

Das Übungsprogramm ist auch dasselbe, d.h. wieder 200 Mal, Beginn mit 10 Wiederholungen und jeweils nach zehn Mal um 10 erhöhen.

Damit ich nicht wieder in am Ende in die Bredouille komme, will ich diesmal Vorarbeiten und, da ich noch nichts zu mir genommen hatte und auch die meditative Stimmung noch vorhanden war, mache ich nach der Einweihung gleich die ersten zehn.

Die Wirkung ist den ganzen Tag über zu spüren. Vielleicht werde ich also im nächsten Jahr doch wieder nach Russland fahren ...

In der Mittagspause finde ich wieder mal eine Gesprächspartnerin, mit der ich an meinem Uferplatz mit dem dort liegenden Boot und einem Ast eine Bootsfahrt unternehme. Wie einige andere hier durchschaut sie klar, was in Russland politisch läuft und erzählt mir auch einige Tricks, wie Druck ausgeübt wird (Weiterkommen im Studium und Beruf wird von der politischen Gesinnung abhängig gemacht). Sie hat resigniert und geht gar nicht zur Wahl, da etwas ausrichten zu können aussichtslos sei. Einige sehen hier die Situation schlechter als ich und behaupten, es hätte sich im Vergleich zur Sowjetzeit nichts verändert.

Ich gewinne den gleichen Eindruck wie schon im letzten Jahr. Einige Mächtige regieren, die anderen kümmern sich nicht viel um Politik, über die Krim freuen sich aber so ziemlich alle, auch wenn sie die Nebeneffekte, vor allem den Krieg, bedauern.

Am Nachmittag Hanuman-Puja wie im letzten Jahr und vor dem Abendessen noch eine letzte Lehreinheit. Mit den veranschlagten rund 500 von den 1000 Namen werden wir nicht fertig, damit soll im nächsten Jahr weitergemacht werden.

Am Abend noch etwas Tanz und Musik. Zufällig erfahre ich danach noch, dass es an einer Stelle auf dem Camp doch Wifi gibt.
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So., 31. Mai, Abschied aus dem Retreat, Resümee

Beitragvon kashiraja am Sa 04.07.2015 13:25

Endlich habe ich Gelegenheit mein Reisetagebuch hochzuladen, nachdem bisher alle Versuche gescheitert waren, weil das Yogananda-Forum in Russland möglicherweise auf einer Sperrliste steht. Hier über das WLAN-Netz im Foyer des Hotels, das zum Ferienlager gehört, ist guter Empfang. Hier bekomme ich auch einen Hinweis darauf, dass das Feriengelände wohl früher ein Fabrikgelände war, deshalb all die verfallenen und verfallenden Anlagen und Gebäude. In einem Raum oberhalb des Speisesaals wir auch heute noch mit viel Handarbeit Gebäck produziert.

Derartige Tourbasen wie die Ladoga-Kurbasa soll es in Russland viele geben und diese hier soll noch zu den schönsten gehören. In West-Europa ist man an ganz andere Standards gewöhnt, hier stößt sich aber niemand an die vielen Unzulänglichkeiten ...

Der heutige Morgen ist der Fragenbeantwortung vorbehalten. Im Vorfeld erklärt Guruji aber, dass er nach 13 Jahren regelmäßigen Kommens nach Russland im nächsten Jahr nicht mehr kommen werde, vielleicht sogar nie mehr. Er zeigt sich etwas enttäuscht von den Ergebnissen seiner Bemühungen (einige der Teilnehmer scheinen ihm wegen ihrer Anliegen auf den Wecker zu gehen), sagt aber auch, dass die Einweihungsarbeit vielleicht von einigen seiner Schüler in Russland weitergeführt werden könnte. Dass der Kriya-Yoga in Russland wenig fruchtet, liegt sicher auch daran, dass die Didaktik Gurujis völlig unzureichend ist, sodass die Techniken selbst und das System der Techniken erst mal nur verwirren. Darum hat sie Yogananda wohl auch vereinfacht, um den Einstieg zu erleichtern. Was Guruji außerhalb der unmittelbaren Einweihung in die Techniken sagt, hat keine praktische Bedeutung oder nur marginal Bezug zur Ausführung der Techniken. Er fabuliert liebend gern hoch spirituell, wenn ihm aber eine Frage zu den Techniken gestellt wird, reagiert er nur mürrisch und wird gegenüber dem Fragesteller ausfällig.

Das ist aber den meisten bekannt. Deshalb stellt auch fast niemand praktische Fragen. Die Fragen spiegeln ein wenig das Bewusstsein dieser vermutlich nur vermeintlichen spirituellen Creme der russischen Gesellschaft (wie ich das im letzten Jahr noch angenommen habe) wieder. Das Potenzial in diesem Land ist sicher vorhanden, doch es fehlt an Lehrern, die diese Leute aus ihrer Dunkelheit herausführen und nun verabschiedet sich auch noch das bisschen Licht, das von Shibendu Lahiri kommt. Der Eindruck, den ich letztes Jahr vom spirituellen Leben in Russland gewonnen hatte, war etwas zu positiv, weil damals Andrej Lepin die Veranstaltungen organisierte und sowohl reichlich Teilnehmer mitbrachte als auch die dürftige spirituelle Infrastruktur optimal nutzte.

Andrej Lepin hält seit Jahren kostenlos spirituelle Vorträge in Moskau und hat früher auch viele spirituelle Seminare gegeben (www.Touching.Ru). Von den im letzten Jahr rund 250 Eingeweihten sind dieses Jahr nur ganz wenige (schätzungsweise 5) wieder aufgetaucht. Einer davon lässt sich in den höheren Kriya einweihen.
Nachdem ich etwas in die Videos von Andrej Lepin hineingeguckt habe, scheint er mir nur ein mittelmäßiger Lehrer zu sein, einer wie es sie im deutschsprachigen Raum zu Hunderten wenn nicht sogar zu Tausenden gibt. In Russland scheint er so ziemlich allein auf weiter Flur.

Es war auf jeden Fall wichtig, dass ich hier noch einmal Gelegenheit hatte, diese Persönlichkeit Shibendu Lahiri etwas zu studieren. Er bringt sicher eine ziemlich starke spirituelle Energie mit und hat einige gesunde spirituelle Einsichten, die er auch kommunizieren kann. Allerdings hat er kein breites Verständnis, sondern, so scheint es, nur einige Thesen, die er in verschiedenem Gewand immer wieder auftischt, und vor allem hat er seine Grenzen. Wenn man diese Grenzen nicht berücksichtigt, weil man ihn für mehr ansieht, als er wirklich ist und ihm deshalb Fragen stellt, die über seine Kompetenz hinausgehen, dann kommt es in der Regel zu Geschrei und Verdammung. Um solche Situationen zu vermeiden, darf man von Shibendu Lahiri nicht mehr verlangen, als er geben kann. Im Endeffekt heißt dies auch, dass man ihm in der Regel seinen Willen lassen muss, was allerdings andererseits auch dazu führt, dass seine Selbstwahrnehmung etwas übersteigert ist, er in sich also doch auch als mehr ansieht, als er in Wirklichkeit ist, was wiederum die häufigen unschönen Situationen provoziert. Da die Russen in Shibendu Lahiri offenbar mehr sehen als er ist, sind die häufigen Friktionen vorprogrammiert. Andererseits ist diese Resolutheit vielleicht auch das beste Mittel, sich aufdringliche und überhebliche Frager, die es natürlich auch gibt, und allgemein Geschwerrl vom Leibe zu halten.

In Deutschland werde ich versuchen müssen, derartige Situationen zu vermeiden, denn das kommt sicher nicht gut an, und bis jemand versteht, was wirklich abläuft, ist man schon längst bei einem anderen Lehrer, weil es in Deutschland davon in ausreichender Qualität genügend gibt. Was Shibendu Lahiri zu geben hat, bleibt dann leider auf der Strecke.

Ich bin auch gespannt, wie Yoga Vidya bei Shibendu Lahiri ankommt. Da muss man auf alles gefasst sein.

Ich verbinde mich noch mit ein paar Leuten auf Facebook, verabschiede mich aber meist nur flüchtig.

Das sich Ausklinken aus der vertrauten Gruppe und Umgebung fällt dann doch etwas schwer und vor allem sehe ich im Moment nicht, warum ich noch nach Nishni Nowgorod weiterfahren soll.

Bis ich die anstehenden Tagebucheinträge alle hochgeladen habe, ist es schon bald 5 Uhr. Ich seh mir noch etwas Wladimir an, wo sich aber bestätigt, was ich schon vermutet hatte, dass außer einer Hauptstraße, die etwas hergerichtet ist und an der mehrere Prunkbauten stehen, alles andere den Nimbus des alten, verfallenden trägt. Von goldenem Ring ist da nicht viel zu sehen.

Nachdem ich die große Kirche auch von innen gesehen habe, in der gerade eine Messe zelebriert wird, fahre ich weiter zur Quelle in Bogolubova, wo wir am Mittwoch schon waren, um meine Wasserflaschen aufzufüllen und fahre weiter in Richtung Nischni Nowgorod.

Nach rund 20 km sehe ich am Straßenrand eine nicht besonders Vertrauen erweckende Gestalt. Ich nehme sie aber trotzdem mit. Es ist ein 38-jähriger Zigeuner, der jedoch hauptsächlich wegen der vielen fehlenden und angefaulten Zähne um zehn bis 20 Jahre älter aussieht. Er hatte am Wochenende das Frauenkloster in Bogolubova besucht (da wo wir auch waren). In dem Ort, in dem er wohnt, sollen Tausende Zigeuner leben. Er arbeitet in der Holzverarbeitung. Er ist ein religiöser und gutmütiger Mensch. Ich bin jedoch sehr vorsichtig, was meine Sachen anbelangt. Als er sich nach rund 130 km verabschiedet, ist es schon fast dunkel und ich suche mir gleich einen Stellplatz für die Nacht.

In der Abendmeditation verfalle ich auf den Gedanken, Guruji bei Gelegenheit zu bitten, im nächsten Jahr doch wieder nach Russland zu gehen, denn da wird er am meisten gebraucht. Andererseits würden Kriyabans vielleicht auch auf den Gedanken verfallen Mönche der SRF einzuladen, falls Shibendu Lahiri sich aus dem Land verabschiedet, wozu sie aber schon eine Hürde überspringen müssten, denn der Meister hat gegen die SRF ganz schön gehetzt und zwar sehr unbegründet ...
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