Pilgerreise nach Russland

Zum freien Austausch der Yogis untereinander über beliebige Sachverhalte

29. Mai - Die lupenreine russische Demokratie ...

Beitragvon kashiraja am Mo 02.06.2014 19:06

Die beiden Russland-Reiseberichte 2014 und 2015 wurden inzwischen überarbeitet, ergänzt und als eBook in verschiedenen Formaten mit dem Titel "Russland heute - zwei (spirituelle) Reiseberichte" herausgegeben. Darin findet man auch Verlinkungen zu rund 500 Fotos in Web-Alben. Zu beziehen u.a. bei http://www.fyue.de/shop

Am nächsten Morgen, als ich alleine bin, untersuche ich die sonderbaren kleinen Radiogeräte, die in der Küche und im Zimmer an der Wand hängen. Sie sind identisch und es stellt sich heraus, dass sie nur auf genau einen Sender eingestellt sind: „Radio Rassia“, also das staatliche, das heißt also von Putin und seinen Genossen gelenkte Radioprogramm. Man kann es gar nicht ausschalten, nur leise drehen. Die gute Raisa ist sehr sparsam, wenn es um eingeschaltete Lampen oder das Laufen meines Computers geht, weil dies viel kosten würde.. Da wundere ich mich, dass die Radiogeräte den ganzen Tag laufen. Als wir zusammen die Wohnung verlassen und das Radio noch läuft, frage ich, ob ich das nicht ausschalten soll. Nein, sagt sie, das Radio sei bei der Wohnung dabei und koste nichts, also vom Staat gesponsort. Deshalb mache es nichts aus, wenn es ständig laufe.

Das Haus wurde in den 60er Jahren gebaut und die Wohnungen waren mit diesen Radiogeräten ausgestattet. Ich weiß zwar nicht, wie viele Bewohner heute noch dieses kostenlose und wohl nicht zu auffällig veranstaltete Programm der Indoktrination so bereitwillig annehmen wie Raisa, doch falls nur der einfach Bürger, der ja relativ arm ist und in den alten Buden lebt (das sollen ja bis zu 90% im Lande sein) auf dieses Angebot eingeht, weil er sich gar nichts Besseres leisten kann, dann würde das zumindest erklären, warum der russische Staat so autistisch handeln kann (Syrien, Krim, Ukraine) und sich in ganz Russland nur wenige Gegenstimmen erheben. Die Leute, die sich hier die selektive (und, wie berichtet wird, bisweilen bewusste Un-)Wahrheit des Kreml (die natürlich mit Musikprogramm, Gesprächsrunden, „Dokus“ usw. aufgehübscht ist, das Fernsehen ist soll ja auch von allen kritischen Sendern befreit worden sein und Gesprächsrunden, wo Menschen frei ihre Meinung sagen entdecke ich nicht …) unterjubeln lassen (wie Raisa), sind ganz natürlicherweise völlig davon überzeugt, dass jede Handlungsweise des Kreml gerechtfertigt ist ….

Da wird mir klar, wie die russische, lupenreine Demokratie funktioniert: Das russische Volk wird großteils, wahrscheinlich bewusst, arm gehalten (ähnlich wie ich das in Indien mit ansehen musste, wobei dort jedoch nun ein Politikwechsel stattgefunden hat, und sich diese miese Tour der Kongresspartei letztendlich doch gerächt hat, doch eben nur wegen der wirtschaftlichen Misere, die in Russland aufgrund des Ressourcenreichtums nicht so groß ist), damit sie bereitwilliger auf das (Miss-)Informationsangebot des Kreml zurückgreift und der Kreml fungiert dann als ausführendes Organ des von ihm selbst ferngesteuerten Willens des Volkes. Russland wie Weißrussland also insgesamt „ein Zuchtanstalt für korruptes Verhalten und von ferngesteuerten, unmündigen Bürgern“? Ist dieses System aufgrund langjähriger Erfahrung der Politiker auf diese Weise perfektioniert worden?

Ich hab mich aus der Ferne, d.h. vor dieser Reise, schon gefragt, wie gesund denkende Menschen die Politik des Kreml in verschiedenen Haltungen (Syrien, Krim, Iran, Abrüstung etc.) unterstützen können. Hier habe ich eine Erklärung.
Raissa ist auch voll des Lobes über Putin …
Man wird vielleicht dagegenhalten, dass Raisa zu der immer kleiner werden Gruppe gehört, die das Internet nicht nutzen, und dass ja Indoktrination über das Internet nicht so leicht möglich ist. Leider scheint es aber so, dass der Staat da doch nach Kräften manipulativ eingreift. Z.B. habe ich sonderbarerweise in Russland (in Weißrussland hatte ich gar keinen Internetzugang und da wird es wohl eher noch schlimmer sein) sehr große Schwierigkeiten, auf dieses Yogananda-Forum und andere Foren zuzugreifen (z.B. komme ich bei Aufruf des http://www.esoterikforum.at immer die Meldung „Ups! Google Chrome konnte http://www.esoterikforum.at nicht finden“, so dass ich anfangs meinte, das Forum hätte dicht gemacht. Inzwischen vermute ich andere Ursachen. Vielleicht kann mir da mal jemand sagen, was Sache ist. Gibt es dieses Forum noch oder nicht?

Anfangs hatte ich gedacht, dass dies mit der Geschwindigkeit des Netzes zusammenhängt, das ich gebucht habe. Doch andere aufwändigere Seiten, die keinen Meinungsaustausch erlauben, sind ohne weiteres zugänglich … Inzwischen hab ich herausgefunden, dass das zumindest das Wifi, das es in den Wagons einiger Metrolinien gibt, einen zugriff auf das Yogananda-Forum erlaubt. Mein eigener Internetzugang und diejenigen der Bibliotheken oder sonstigen von mir bisher getesteten Zugänge, erlauben dies nicht.

Raissa lebt in ihrer eigenen vom russischen Staat gestalteten Welt und merkt das gar nicht. Eigentlich trägt jeder kultivierte Mensch ein Bestreben der Angleichung und des friedlichen Zusammenlebens in sich. Doch hier schaltet sich eine Kraft dazwischen, die dem entgegenarbeitet. Angesichts dessen muss ich doch sagen, dass ich meine, man sollte diesem russischen Treiben keinerlei Wohlwollen entgegenbringen und alle die sich aus der russischen Indoktrination befreien wollen(wie Georgien und Ukraine), mit allen Kräften beistehen, denn alle Gebiete, die man den Russen zur „Umerziehung in die russische „lupenreine“ Demokratie“ erlaubt, muss man danach mit großen Aufwand und langwierig wieder reinigen – siehe Rumänien und Bulgarien ….

Am Abend unterhalte ich mich noch mit Emil. Er hält von Putin auch sehr viel und hat dafür einen plausiblen Grund: Die 90er Jahre hat er als chaotisch erlebt. Putin hat die Ordnung zurückgebracht. Das ist zweifellos richtig, ich stelle auch viele positive Veränderungen seit 2002 fest. Politische Stabilität ist eine wichtige Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung in einem Land. Russland ist eine junge Demokratie und leidet vielleicht noch unter einigen Kinderkrankheiten. Doch die reiche Publikationsvielfalt in den Buchläden und das offene und selbstbewusste Auftreten der meisten Bürger verspricht doch, dass sich am Ende alles zum Guten entwickelt. Auch in Russland arbeitet der Geist von innen heraus und dagegen ist jede politische Macht oder jedes politische Kalkül machtlos. Das Informationszeitalter tut ihr Übriges. Diese Entwicklung kann man vielleicht bremsen, doch nicht aufhalten …
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29.5.2005 - Den KGB ausgetrixt?

Beitragvon kashiraja am Mo 02.06.2014 19:20

Heute ist es nicht nur kalt, es regnet auch noch den ganzen Tag. Es gelingt mir das Hotelzimmer zu stornieren, das ich ab Freitag gebucht hatte und bis 19 00 Uhr bleibe ich in der modernen Dante Alegieri-Bibliothek, in der gerade eine Teilveranstaltung des Moskauer-Lesewettbewerbs läuft. Die Bibliothek ist sehr ansprechend und widerlegt meine Befürchtung, dass Bibliotheken bei der Modernisierung des Landes benachteiligt sind. Bei über 100 Bibliotheken in Moskau geht das halt nur Schritt für Schritt. Es funktioniert hier aber auch wie bei anderen Bibliotheken, die ich bisher kennen gelernt hatte. Man hat keinen Zugriff auf die Bücher, muss sich mit Ausweis anmelden, und kann dann erst Bücher ordern. Das Anmelden funktioniert anstandslos und meist gibt es kostenloses WLAN, allerdings funktionieren ausgewählte Seiten nicht …

Doch heute entdecke ich, dass ich über das Wifi in einigen Metrowaggons in dieses Yogananda-Forum gelange und nutze das gleich aus …

Am Abend nehme ich mir zur Vorbereitung auf die Einweihungsveranstaltung von Shibendu Lahiri nochmal die Blätter vor, die wir von ihm bei der Einweihung in Varanasi Indien erhalten hatten. Das meiste hab ich vergessen. Beim Durchlesen gewinne ich wieder den Eindruck, dass Shibendu noch ziemlich im Dualismus gefangen sein muss …
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30. Mai - Der Urenkel Lahiri Mahayayas erneut ...

Beitragvon kashiraja am Mo 02.06.2014 19:32

Bisher hab ich auf meiner Pilgerreise nach Russland noch keine besonderen spirituellen Erlebnisse gehabt. Spirituell geht mir inzwischen sogar etwas die Luft aus, d.h. die Meditationen werden immer schlechter.

Ich bin noch keinem besonderen spirituellen Menschen begegnet, noch haben mich irgendwelche Plätze durch ihre spirituelle Kraft sehr bewegt. In Stettin hab ich einen Samstagabendgottesdienst besucht, der relativ gut besucht war und hier gibt natürlich die orthodoxe Religiosität. Die scheint mir aber, obwohl sichtbar, im Vergleich zum Katholizismus noch weniger spirituelle Kraft zu besitzen, was vielleicht darauf zurückzuführen scheint, dass nach der kommunistischen Tabula Rasa Kraftorte erst wieder langsam aufgebaut werden müssen … und die Orthodoxie in Russland und Weißrussland eher eine staatliche Funktion ausüben.
.
Heute Beginnt aber das Einweihungsseminar mit Shibendu Lahiri, was das eine Hauptziel meiner Reise darstellt. Die Retreat-Woche mit ihm vom 9.6. bis 15.6. in einem Buddhistischen Zentrum 70 km östlich von Moskau ist die andere fixe Größe der Reise.

Inzwischen neige ich sehr dazu, die günstige Übernachtungsmöglichkeit, die ich bei Raisa gefunden habe, länger zu nutzen. Es ist mit 500 Rubel am Tag nicht nur günstig, bei Raissa verkehren nur Gäste, die nicht rauchen und trinken. Allerdings spirituell kann ich die Gesellschaft dort auch nicht nennen. Raisa meint ich würde zu einer Sektenveranstaltung gehen und möchte mich unbedingt davon abhalten (sie ist bekennende Atheistin), Emil, der morgen abreist, ist zwar ein bisschen aufgeschlossen, aber im Gunde auch nicht interessiert. Ein neuer Gast, Vitali, der heute Morgen eingetroffen ist, ist ein Sportler und scheint mir ziemlich materialistisch zu sein. Außerdem habe ich aufgrund des Zustands meines Autos wenig Lust noch viel weiter nach Osten vorzudringen – höchstens noch bis zum Retreatzentrum – wenn da nicht die Busverbindung nutze. Bei einer möglichen weiteren Reise nach Russland kann ich dann vieleicht Moskau ganz weglassen und weiter nach Osten vorzustoßen. Novosibirsk, das 3500 von Moskau entfernt ist, scheint aber auch so unerreichbar. Ich kann mir Moskau also noch in Ruhe ansehen und brauche nicht zu hetzen. Nach dem Mittagessen mit Raisa nehme ich das Rad mit in die Metro und fahre in die Stadt (ein weiterer Vorteil des Klapprads: ein normales Rad dürfte ich nicht mit in die Metro nehmen), und steige in der Nähe des roten Platzes aus um mich bis um 18:00 Uhr schön langsam bis zum Veranstaltungsort vorzuarbeiten.

Dort beginnt man erst den Veranstaltungsort, eine ziemlich unansehnliche und unsaubere Sporthalle recht provisorisch herzurichten. Es werden Sportmatten ausgelegt und auf zwei Tischen zwei Sessel platziert: für Guruji und die Übersetzerin. Allerdings ist die technische Ausstattung, Kameras, Soundanlage vom Feinsten und auch die Helfer scheinen sehr éngagiert und kompetent. Es zeigt sich dann auch, dass das Ganze zumindest besser organisiert ist, als in Indien ...

Die Zahl der Interessierten an diesem Einführungsvortrag ist beträchtlich. Ich schätze mal, dass sich das Zwei- bis Dreihundert Leute anhören. Was Shibendu sagt, ist auch strukturierter, als das, was er in Indien von sich gegeben hat und ich bewundere die Fähigkeit der Übersetzerin, die das zwar professionell macht, aber dass man die minutenlangen Ausführungen des „Meisters“ in gleicher Länge und wie versichert wird, sehr gut wiedergibt, habe ich bisher noch nirgends erlebt.

Die spirituelle Schwingung teste ich, indem ich versuche zu meditieren und spüre weder bevor Guruji da ist noch danach irgendetwas Besonderes, d.h. ich tendiere eher dazu einzudösen und lasse es.

Der Vortrag Shibuendus ist allerdings zumindest sehr erfrischend, wobei er besonders auf das Thema Dualismus eingeht und sich über den dualistischen Charakter vieler spiritueller Organisationen auslässt …
Egal, ich melde mich nach der Veranstaltung zur morgigen Initiation an, obwohl ich da schon mal erhalten habe, doch es kann ja zumindest nicht schaden und es dürfte bei Shibendus bekennender Nicht-Organisation überhaupt nicht auffallen.

Positiv ist natürlich wieder, dass kein Eintritt verlangt wird und dass alles, was man gibt, freiwillig ist.

Damit ich mich am nächsten Tag schnell zurecht finde, suche ich noch den Weg zum morgigen Veranstaltungsort, was eine spirituelle Begegnungsstätte zu sein scheint, und kaufe noch Teile, der Gaben, die für die Initiation mitzubringen sind (5 verschiedene Früchte, 6 verschieden Blumen, eine Kokosnuss und drei Süßspeisen mit Milch).
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31. Mai - Kriya-Yoga-Einweihung für 165 Russen

Beitragvon kashiraja am Mo 02.06.2014 19:57

Als ich am nächsten Morgen kurz vor 10 am INBI (einer interkulturellen Begegenunsstätte, wo viel Kampfsport, Tai Ji aber auch Yoga unterrichtet wir, vier km nördlich vom roten Platz) ankomme, statte ich zunächst wieder mein Fahrrad als Werbeträger für Plakate des Berliner Yoga-Festivals aus und kaufe die Blumen.

Dann betrete ich dieses hohe Gebäude, das schon einen ganz anderen Eindruck macht, als die gestrige Sporthalle, die wohl nur wegen des großen Andrangs angemietet wurde. Die Anmeldezahl war so groß, dass nächstes Wochenende dasselbe Programm noch einmal hier in Moskau wiederholt wird.

Der Saal oben hat für 2-300 Teilnehmer Platz und füllt sich auch bis Guruji kommt so ziemlich (165 lassen sich initiieren). Auch die Energie hier ist eine ganz andere, die Meditation flutscht. Das Programm ist gleich wie in Indien, nur kann ich hier gleichzeitig etwas russisch lernen. Es ist aber erschreckend, wie wenig ich verstehe, wenn sich der Wortschatz vom Alltagswortschatz entfernt …
Heute übersetzt Irina und die macht ihre Sache genauso gut wie gestern Natascha. Diese Russen scheinen mir sehr helle Köpfe zu sein. Vielleicht ist diese direkte Art von Shibendu Lahire auch genau das, was für die Russen geeignet ist, obwohl ich mich schon frage, wie viele bei der kümmerlichen didaktischen Aufbereitung hier bei den Übungen bleiben werden.

Es war Auftrag nüchtern ins Seminar zu kommen. Nach etwas Theorie greift der Meister bald die Chakren von jedem Neu-zu-Initiierenden ab (was wegen der Menge der Teilnehmer bis um 14:00 Uhr dauert).

Als ich ziemlich zum Schluss an der Reihe bin, werde ich gefragt, ob ich nicht schon initiiert bin. Dies ist wichtig für die Statistik Gurujis. Er hatte vor dieser Moskauer Veranstaltung insgesamt 19964 Schüler initiiert (jeder wir in ein Buch eingetragen) und bei jedem neuen Tausender wird gefeiert. Allerdings sind sie auf meine Wiederholung sicher nicht wegen guter Buchführung draufgekommen. Da ich der einzige Ausländer bin und einige Kriyabans mich noch von Indien kennen, werden sie sich nur gewundert haben … Ich bejahe und werde trotzdem zugelassen. Normalerweise nehmen Kriyabans an diesem Abgreifen nicht Teil.

In Indien hatte ich danach kaum etwas gespürt, diesmal scheint sich deutlicher was zu tun.

Jeder, der dran war, bekommt von den Initiationsgaben. Bis auf das Geld und einige edle Stücke wird alles wieder an die Initiierten verteilt. Nach den Chakra-Abgreifen, darf man ein bisschen was Essen.

Von 15:00 Uhr bis 19:00 Uhr werden dann die Techniken recht ausführlich und klar erklärt sowie in kleinen Gruppen von Kiyabans demonstriert und eingeübt. Das alles gefällt mir sehr viel besser als in Indien, allerdings ist für mich das alles nur Wiederholung. Den meisten wird dies, wie ich annehme, sicher zu viel sein. Doch um kurz vor Sieben, als gefragt wird, ob man einen Teil noch auf morgen verschieben soll, ist es einhellige Meinung, alles zu Ende anzuhören. Am Ende wird sogar geklatscht.

Nun warum funktioniert das alles bei einem in meinen Augen mittelmäßigen Meister in Russland so gut? Der wichtigste Grund ist wohl, dass die Russen Shibendu für voll nehmen. Für sie ist er ein verwirklichter Meister und die Dienstfertigkeit und Motivation entsprechend.
Shibendu hat in den 90er Jahren auch in Deutschland Seminare gegeben, er hat jedoch dort seine Anhängerschaft aus Gründen, die ich denken kann, wie ich annehme verprellt. Da Shibendu das seit 1988, d.h. seit einem Jahr nach dem Tod seines Vaters (Trauerjahr), macht, hat er sicher auch aus Fehlern gelernt und seine Veranstaltung erscheint mir diesmal gar nicht so schlecht – möglicherweise geeignet für ein erneutes Seminar in Deutschland. Die Frage ist nur, ob er in Deutschland genügend Helfer und begeisterte Interessierte wie hier in Russland findet– das eher nicht.

Auf meinem Rückweg zum Kreml komme ich noch an einem Männer-Kloster vorbei, das 1929 von den Kommunisten geschlossen worden war und est 2009 wiedereröffnet wurde. Es wird gerade ein Gottesdienst gefeiert. Ich gehe hinein und schau mir alles an.

Meine Gedanken beschäftigt das heutige Russland. Ich glaube, dass das Land aufgrund wohl vor allem der chaotischen 90er Jahre ein Ansehen genießt (mein Bruder sagt immer, nach Russland würde er nie fahren), das nicht mehr gerechtfertigt ist. Das Land besitzt zugegebenermaßen keine führenden Industrien, doch aufgrund des Reichtums an Bodenschätzen ist das ja nicht nötig. Es gibt vielleicht auch sehr viel Korruption und wohl Reiche, die ihren Reichtum nicht verdient haben. Doch irgendwie gelingt es den Russen doch, diesen Reichtum breit zu verteilen, wohl weil, wie Emil sagt, der Russe das Geld, das er hat, gleich wieder ausgibt. Wenn auch die große Industrie fehlt, hat das Land einen großen Binnenmarkt und wenn das Land nur weiter an der eigenen Verschönerung und Modernisierung arbeitet, ist das ja auch eine riesige Aufgabe, die gerade im Gange, jedoch noch lange nicht abgeschlossen ist. Je weiter man von der Innenstadt, innerhalb der ersten Ringstraße, in die Peripherie hinauskommt, desto zahlreicher werden die heruntergekommenen Gebäude und Hinterlassenschaften der kommunistischen Zeit. (Auch das Hochhaus in dem Raisa wohnt, stammt schon aus den 60er Jahren und da wurde außer den Fenstern seither kaum was renoviert.)

Weil die meisten etwas von dem Reichtum abbekommen, genügend Verdienstmöglichkeiten bestehen und nicht mehr so viele glauben müssen, dass sie zu kurz kommen, besteht auch weniger Anreiz für illegale Handlungen und ich schätze mal, dass man in Russland und insbesondere Moskau sicherer lebt als in Paris oder London.

Am Abend mache ich mit Raisa noch eine Runde durch das Wohngebiet Kolomenskaja und wir sehen dabei auch in ihre andere Wohnung, die zurzeit nicht vermietet ist. Es sieht dort genauso heruntergekommen aus, wie bei ihr. – Die Radiogeräte laufen – obwohl die Wohnung seit einem Jahr nicht vermietet ist. Raisa lüftet kurz und beim Verlassen bleiben die Radiogeräte wieder an. Darauf angesprochen sagt sie. Da der Radio bei der Wohnung dabei, ist, zahle sie dafür und dürfe das auch nutzen. Raisa ist sonst eine liebe, mitfühlende und ziemlich gebildete Frau, ihre Mutter war Ärztin der Vater Lehrer, sie spielt seit ihrem sechsten Lebensjahr Klavier und das auch in Altenheimen und dergleichen Gelegenheiten z.B. für ein Mittagessen. Sie war einmal für eineinhalb Jahre verheiratet, wollte das aber nie und ist dann bald in ihre geliebte Freiheit zurückgeflüchtet. Doch ihr Denken ist teilweise sehr verkorkst und ich kann dies nur auf die kommunistische Gehirnwäsche zurückführen.

Sie lebt seit 1976 in dieser Wohnung und hier steht ein Hochhaus neben dem anderen. Besonders schön ist es nicht, doch mit Raisa kann man auskommen und sie spricht auch ein wenig Englisch. Wenn also jemand in Moskau eine günstige Bleibe sucht, gebe ich gern die Telefonnummer Raisas weiter (Computer hat sie keinen). Sie wohnt keine 5 Minuten von der Kolomenskaja Metro-Station entfernt und in die Stadt braucht man von da nicht viel mehr als 15 Minuten. Frauen lässt sie in die andere Wohnung, die man für 2100 Rubel anmieten kann. Hinein passen bis zu 5 Personen. Allerdings entspricht der Standart einfachen indischen Verhältnissen. Was offiziell in Moskau angeboten wird ist sehr nobel und hat deshalb auch seinen Preis …
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So. 1. Juni - Was fruchtbar ist, allein ist wahr

Beitragvon kashiraja am Fr 06.06.2014 21:21

Für die Qualität der Veranstaltung gab es gestern zwei Indikatoren: Ich hatte bis spät am Abend kein Hungergefühl. In der Nacht brauchte ich weniger Schlaf und die Meditation am Morgen ging auch wieder um einiges tiefer …

Als das Programm im INBI um 10:30 Uhr weitergeht, bin ich erstaunt, dass so ziemlich alle Initiierten wieder erschienen sind. Ein kleines Wunder für mich:
Das hier kostet zwar nichts. Doch man bekommt auch nichts geschenkt. Wenn man von dem Angebotenen etwas haben will, muss man schon etwas Zeit und Energie investieren, das sollte inzwischen klar geworden sein. Und ich frage mich, ob es vielleicht sogar für einige von Vorteil sein könnte, wenn sie viel Geld für eine Einweihung zahlen. Dann würden sie sich zumindest sagen müssen. Jetzt hab ich so viel Geld dafür ausgegeben, jetzt will ich auch etwas davon haben. Gut sie können das ja auch hier – nur freiwillig. Guruji bedankt sich auch für das reichliche Guru-Diksha …

Bei Shibendu ist alles offen, es gibt kaum Regeln und bei den wenigen wird kaum auf die Einhaltung geachtet. Das ist natürlich einerseits schön, aber man lernt dann auch etwas mehr, Ordnung, Strukturiertheit und Regelungen zu schätzen.

Insgesamt muss ich mein Urteil über Shibendu, das teilweise in Verachtung ausgeartet war, revidieren. Einiges der Unvollkommenheiten, die mir bei ihm in Indien aufstießen, ging wohl auf die indische Lebenshaltung und die seiner Schüler, die das Programm dort organisierten zurück.

Unzweifelhaft besitzt er eine spirituelle Kraft und die Weitergabe spirituellen Wissens und spiritueller Kraft innerhalb einer Familie ist ja möglich und wenn sich die richtigen Seelen inkarnieren auch leicht vorstellbar …

Ich hatte in den 90er Jahren mal bei einer Spende an die SRF als Verwendungszweck angeben, sie sollten doch mal Mönche nach Russland schicken. Als Antwort kam zurück, man würde in ein Land nur gehen, wenn die SRF dahin eingeladen werde und wenn von Schülern Unterstützung geleistet werden würde. Dies war in Russland lange Zeit nicht der Fall. Ananda hat bereits vor einigen Jahren Kontakte nach Russland geknüpft, davon habe ich jedoch im Internet keine Spuren gefunden. Inzwischen gibt es auch eine offizielle SRF-Übersetzung (die man aber leider in keinem Buchladen findet). Doch es wird sicher nicht mehr lange dauern, da werden die SRF-Mönche auch nach Russland eingeladen. Shibendu leistet da gute Vorarbeit. Alle die mit seiner trockenen Methode nicht zurechtkommen und vielleicht auch alle anderen, werden von den zusätzlichen Mitteln der Unterstützung (Bücher, d.h. sobald die mal alle in Russisch erscheinen, Betreuung, vielleicht Retreat-Zentren, Einweihungen mit den Möchen usw.) profitieren.

Shibendu hebt viele wichtige Punkte der spirituellen Praxis hervor, entscheidende fehlen aber auch. Das ist mehr etwas für eifrige Anfänger. Wenn ich das alles am Anfang meiner Meditationskarriere gehabt hätte, wäre ich vielleicht froh gewesen. Das Meiste, das hier nur in kleinen Abweichungen angeboten wird, kenne ich aber schon. Außerdem dienen die Techniken dazu, den Meditationsprozess in Gang zu setzen, bei mir kommt dieser zur gegebenen Zeit inzwischen alleine und zu viele Techniken stören eher …

Heute im Seminar sagt Guruji noch einiges Interessantes, z.B. dass Om nicht die richtige Übertragung des Sankrit-Zeichens sei. Dort gibt es kein „M“ es sei nur die Bezeichnung eines Nasallautes nach dem Vokal vorhanden, der sich automatisch ergibt, sobald sich die Zunge zurückrollt, was beim „Om“-Klang der Fall sein sollte.

Was anderes, das er wohl jedes Mal vorbringt, das ich aber in Indien nicht ganz mitbekommen hatte: Die Buddhisten würden nur aufgrund einer einzigen Überlieferungsstelle aus Buddhas Zeiten Fleisch essen. Buddha selbst hat kein Fleisch gegessen. An einem Tag war einer seiner Schüler aber mal mit seinem Essenstopf auf Betteltour und niemand gab ihm etwas. Dann fiel ihm aber zufällig ein Vogel, den ein Jäger geschossen hatte, in seinen Napf und er ging damit zu Buddha und dieser sagte ihm: Bevor du verhungerst esse diesen Vogel.
Damit würden alle Fleisch essenden Buddhisten ihr Laster begründen. In der heutigen Zeit sei es aber für niemanden auf der Erde mehr nötig, Fleisch zu essen.

Guruji hat also viele sehr gesunde Ansichten. Aber er wir in seinen Äußerungen wieder sehr derb und mit einigen Aussagen hat er, meiner Ansicht nach, eindeutig der Vorstellung seiner Anhänger widersprochen, er sei ein verwirklichter Meister (wenn er zum Beispiel empfiehlt zur Vorbereitung auf den Kriya-Yoga solle man keinerlei spirituelle Bücher lesen, sondern besser Krimis, zeigt er wenig Verständnis für die Nöte spiritueller Anfänger … ich wende mich still an Yogananda, bitte ihn leise, er möge eingreifen und fühle einen warmen Strom durch mich losbrechen …). Da brauche ich bei seinen Anhängern keinen Kommentar abgeben. Wer das nicht selbst sieht, hat mit Guruji den richtigen Meister gefunden und soll ihm nur weiter seine Füße küssen (was aber von den Russen nur sehr wenige tun) …

Zum Schluss kommt sogar noch ziemliche Stimmung auf und der Retreat lässt gar nichts so Schlechtes erwarten wie befürchtet. Dort sollen schon alle Plätze ausgebucht sein und die Interessierten auf externe Quartiere ausweichen ...

Insgesamt muss ich sagen, dass die Energie am Samstag und Sonntag sehr gut ist, möglicherweise die beste, die man heute noch in Russland finden kann. Die Dynamik der großen Gruppe wird ihren Teil dazu beitragen. Guruji bewegt aber zumindest etwas, bereitet die Leute auf etwas Höheres vor. In Indien war das für mich nicht so ersichtlich, weil in Varanasi und in Allahabad, auf dem Kumbha Mela, so viele andere Kraftorte waren, dass nicht klar war, was da wirklich auf Guruji alleine zurückgeht.

Ich denke mal, Russland ist spirituell wie materiell, gesellschaftlich und politisch bei weitem noch nicht perfekt, doch es tut sich was und das Land ist auf dem richtigen Weg ...

Ich bin auch mit der Frage nach Russland gereist, wie die Aussage Rudolf Steiners, das russische Volk trage sehr großes spirituelles Potential und würde einmal in spirituellen Dingen die Führungsrolle auf der Erde übernehmen (wenn ich das richtig verstanden habe und ich mich richtig erinnere) und ich glaube, dass ich schon jetzt klare Anzeichen erkenne, dass da mehr dafür als dagegen spricht. Russland gebärdet sich heute noch wie der junge Parzival, der ungestüm ist und sich an keine Regeln hält. Doch die Frische und Kraft, die darin zum Ausdruck kommen, lässt sehr viel Gutes erwarten.

Als ich dann kurz vor 16:00 Uhr das Kulturzentrum verlasse, mache ich aber noch eine etwas ernüchternde Feststellung. Auch heute hatte ich mein Fahrrad wieder kurz vor dem Eingang von INBI abgestellt und zwar weniger aber doch mit einem A4 Plakat zum Yoga-Festival ausgestattet, einen A6 Flyer hatte ich im Gepäckträger eingeklemmt. Beides war offensichtlich weggerissen worden; ich sehe beides ein paar Meter weiter in der Wiese liegen . Ich weiß zwar nicht, wie und was, doch gehe ich eher davon aus, dass „Guruji“ in einem seiner Wutausbrüche den Anlass dazu gab, als dass die toleranten Russen (wie ich sie bisher in vielen Situationen erlebt habe) das von sich aus getan hätten.

Mit dem Rad ziehe ich dann noch eine weite Runde und gelange zum Kunst-Park an der Moskwa, wo ziemlich was los ist und geboten wird – neben vielen Ständen auch Lifemusik.
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Mo. 2. Juni - Kolomenskaja

Beitragvon kashiraja am Fr 06.06.2014 21:34

In der Nacht träume ich dann davon, was passieren wird, wenn Guruji nicht mehr unter den Lebenden weilen wird. Da er keinen Sohn hat, wird wahrscheinlich ein entfernterer Verwandter von einigen Schülern dazu erkoren werden, die Tradition weiterzuführen. Dafür wird sich sicher ein Inder hergeben und diesem werden sicher auch einige Menschen in Indien und weltweit folgen. Doch spätestens dann wird wohl zumindest ein Teil der von Shibendu herangebildeten auch mal eine Anfrage an die SRF richten und daraus wird sich dann einiges entwickeln.

Ich habe mich inzwischen dazu entschlossen, noch bis zum nächsten Sonntag in Moskau zu bleiben und auch noch das nächste Einweihungsseminar mit Guruji mitzumachen.

Der heutige Tag ist der Erkundung meiner Wohngegend, d.h. um die Metro-Station Kolomenskaja herum, gewidmet. Um 8 begleite ich Raisa ins Hallenbad. Sie darf dort als Invalidin/Rentnerin zweimal die Woche kostenlos für 45 Minuten Baden. Als ich aber höre, dass ich für diese 45 Minuten in einem 25 Meterbecken, wo auf der Hälfte Sportler ihre Bahnen ziehen und der Rest auch ziemlich überfüllt ist, über 5 Euro zahlen müsste, verzichte ich gern. Die Preise in Russland sind relativ hoch, vor allem bei ausländischen Markenwaren, wie Milka-Schockolad, Ritter-Sport, Smartphones usw. ist alles teurer als bei uns. Die Mieten und Immobilienpreise in Moskau sollen auch extrem hoch sein. Auch die Monatsmiete bei Raisa (220 Euro) für eine heruntergekommene kleine Wohnung, die man sich mit bis zu 6 anderen Menschen teilt, erscheint mir relativ hoch.
Etwas günstiger als in Deutschland gibt es manche einheimisch Produkte (Äpfel). Aber wenn man 1 Liter Milch für 1 Euro bekommt, ist das schon preiswert.
Benzin ist natürlich der Hit, das ist hier noch ein wenig billiger als in Weißrussland. Man bekommt den Liter für 33 Rubel (0,7 €).

Das Hallenbad ist aber neu, vor zwei Jahren eröffnet. Putin baut also nicht nur Prestigeobjekte wie die in Sotchi, im ganzen Land (gut ich habe erst zwei Städte gesehen) wird der Reichtum verstreut und kräftig gebaut … Die gute Meinung der Russen schwappt schön langsam zu mir über. Als ich höre, dass sich Putin für das Nichtrauchen stark macht, ist er mir gleich noch sympathischer. Wahrscheinlich ist Putin zur Zeit genau das Richtige was Russland braucht ….

Nach dem Mittagessen führt mich Raisa in eine große Parkanlage in 1 km Entfernung, wo einige interessante Gebäude (Kirchen, große Paläste aus Holz usw. ) zu bewundern sind. Kolomenskaja war nämlich ursprünglich eine Sommerresidenz der russischen Zaren und in einem der Paläste ist sogar Ekatarina die I geboren. Der Park grenzt an die Moskwa an und man hat einen weiten Blick über die sich bis zum Horizont reihenden Hochhaussiedlungen.

Am Abend gehen wir noch in die Tolstoi-Bibliothek des Stadtbezirks, wo es die Vorführung eines russischen Spielfilms (Väter und Söhne) gibt, den sich allerdings außer mir nur vier Rentnerinnen ansehen. Gut, damit ist auch mein Programmpunkt abgehakt, einmal in ein russisches Kino zu gehen … ich habe extrem wenig versanden.

Da ich den ganzen Tag auf keine Auto-Werkstätte gestoßen bin, entschließe ich mich, die Bremsen erst mal selbst anzusehen und falls ich nichts Besonderes feststelle, lieber das Wagnis einzugehen, mit diesem Auto wieder zurückzufahren und bei Bedarf eine Werkstatt auf der Strecke anzufahren.

Am Abend fahre ich noch zwei Runden mit der Ring-Metro-Linie, um Einträge des Forums hochzuladen.
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Di. 3. Juni

Beitragvon kashiraja am Fr 06.06.2014 21:46

Heute schlafe ich mich einmal aus und breche nach dem Mittagessen noch einmal in den Kolomenskajer Park auf. Auf dem schönen Uferweg, den ich gestern entdeckt hatte, würde ich gerne noch weiter entweder aus der Stadt heraus oder ins Zentrum fahren. Es stellt sich jedoch heraus, dass die schöne Uferanlage nur bis zu den Parkgrenzen geht. Danach kommen nach Süden Trampelpfade durch ziemlich vermülltes Gelände und ich denke mir, dass die Fassade inzwischen steht, doch 90% der Arbeit noch zu leisten ist, bis das Land deutschen Standard erreicht …

Am Nachmittag sehe ich mir die neu prächtige orthodoxe Kirche in der Nähe des Kreml einmal von innen an. Sie ist auf jeden Fall noch einiges größer als die Smolensker. An Kosten wurde nicht gespart. Sonderbarerweise sind die vielen langen Texte an den Wänden nicht etwa Zitate aus der Bibel, sondern irgendwelche Erlasse Alexanders I aus den Jahren 1812 -1814.

Am Abend bereitet Raisa wieder ein kleines Mal. Von der kann auch ich noch Sparen lernen. Z.B. kocht sie Tee, füllt diesen in ein Glas mit Deckel und wenn man die nächsten Tage Tee trinkt, wird aus dem Glas rund ein Zentimeter in die Tasse gegossen und darauf heißes Wasser. Oder: Verderbliche Produkte werden möglichst gleich gegessen, in den Kühlschrank kommt nur das, was länger hält und der Kühlschrank wird natürlich ausgeschaltet. Bei der Hitze würde er viel zu viel Strom verbrauchen. Die Sparsamkeit erstreckt sich aber nicht auf Gas, Heizung und Wasser. Das wird pauschal abgerechnet und da herrscht ziemliche Verschwendung …

Raisa muss irgendwann einmal das extreme Sparen gelernt haben und behält das heute noch bei, obwohl sie das heute wohl nicht mehr bräuchte.
Sie nimmt vor allem das kostenlose Kulturprogramm in den vielen verschiedenen Bibliotheken wahr. Die Metro ist für sie kostenlos und damit ist alles nah und schnell zu erreichen. Sie möchte auch mich gerne überall mitnehmen. Doch bei so schönem Wetter habe ich keine Lust, mich in eine Bibliothek zu setzten. 30 Grad sind mit der Glatze, die ich mir gestern zugelegt habe, gerade angenehm.
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Mi. 4. Juni

Beitragvon kashiraja am So 08.06.2014 18:39

Am Morgen erst das zweite Mal alleine in der Wohnung und nutze diese Zeit, mich einmal durch das Fernsehprogramm, das ziemlich vielfältig ist. Doch wie gesagt wird, soll es ja ziemlich gleichgeschaltet sein. Das kann ich aber nicht beurteilen … es erweckt zumindest einen anderen Eindruck.

Vom Krieg in der Ukraine wird ausführlich berichtet, natürlich aus Sicht der Aufständischen und einmal wird eine Truppe schwarz gekleideter und vermummter Kämpfer gezeigt, die zu den ukrainischen Gegnern gehören, Ähnlichkeit mit der Waffen-SS haben soll und in dieser sollen auch Ausländer kämpfen. Es wird einer dieser Soldaten interviewed, er spricht englisch. Mir erscheint das ziemlich gestellt …

Die Russen wissen, was in der Ukraine los ist nur aus den Nachrichten, die sie serviert bekommen, und bedauern allgemein, was die Amerikaner dort anstellen. Putin sei aber schlau und hätte den Amerikanern, die das schwarze Meer wollten, einen Strich durch die Rechnung gemacht,

Der durchschnittliche Russe scheint mir ein recht unpolitischer Mensch. Er ist überzeugt, dass er eine gute Regierung hat und lässt diese machen. Unpolitisches Verhalten wurde ihm ja in den 70 Jahren Sowjet-Herrschaft anerzogen. Es gibt den Spruch, dass jeder die Regierung hat, die er verdient (wie auch jeder den Guru hat, den er verdient). Wenn das Volk wacher und kritischer wird, wird es auch eine andere Regierung bekommen … Im Moment ist man aber noch mit dem relativen finanziellen Wohlstand zufrieden und erfreut sich an der Entwicklung des Landes, die zweifellos beachtlich ist …

Den Deutschen sind die Russen sehr positiv gesonnen, obwohl diese ihnen ja sehr viel Leid zugefügt haben. Der Grund dafür scheint mir, dass der endgültige Sieg über Hitler-Deutschland ihnen bis heute immer noch Anlass zu großem Stolz gibt, die Siegesmeldungen und Ähnliches werden auch heute noch ausgiebig im öffentlichen Rundfunk zitiert etc. und Gedenkorte gibt es unzählige.

Die Untersuchung der rechten Bremse vorne ergibt, dass der Bremsklotz wohl völlig alle ist und nun Eisen auf Eisen reibt. Es ist fast ein Millimeter von der Bremsscheibe abgetragen – so hat sich das auch angehört. Die Bremswirkung ist jedoch noch da und ich sollte damit nach Deutschland zurückkommen, zumal da ich, wenn ich bei wenig Verkehr Autobahn fahre, manchmal auf einige hundert Kilometer kein einziges Mal bremsen muss. Neue Bremsklötze und eine neue Bremsscheibe hätte nur zur Folge, dass die Bremse im Leerlauf wieder mehr schleift. Eine völlige Behebung des Problems wäre zu aufwändig. Ich werde mal ein paar Schutzengel bestellen und im Bedarfsfall eine Werkstätte auf dem Weg ansteuern ….

Heute fahre ich mit Raisa noch weiter aus der Stadt heraus. Da gibt es noch einen Park: Zarizewoja. Das ist ebenso eine sehr schöne weiträumige Anlage und darin steht ein großer Palast. Es stellt sich jedoch heraus, dass der ganz neuen Ursprungs ist. Es stand da mal einer, 2006 wurde er nach alten Plänen wiedererrichtet …

Um vier fahre ich in die Innenstadt, steige wieder an einer anderen Metro-Station aus und bleibe dort, wo es was zu sehen oder einen guten Rastplatz gibt. In Minsk hatte ich nach 2 Stunden das Gefühl, ich hätte alles gesehen, was interessant ist. Hier entdecke ich nach einer Woche immer noch vieles Neues und die Stadt lebt einfach …

Am Platz der Revolution, am Karl Marx Denkmal, steht abends um 11 Uhr noch eine Frau in zerlumpter Kleidung. Sie hat einen Pappkarton umgehängt und dort steht einiges auf Englisch, woraus ich nicht ganz schlau werde.
Sie erzählt mir, dass sie seit vier Jahren in Moskau auf der Straße lebe, auch im Winter. Sie hat Anfang der 90er als wissenschaftliche Angestellte an der Uni gearbeitet, wurde gemobbt und weil sie ursprünglich aus Kasachstan kommt hatte sie Schwierigkeiten mit dem Aufenthalt sowohl in Russland als auch in Kasachstan und viele Probleme mit den Behören. Jetzt hat sie einen russischen Pass und würde gerne in die USA auswandern. Was sie sagt und wünscht ist teilweise wirr. Ihr Gesicht strahlt aber eine Milde und ein Licht aus, das mich berührt. Sie 52 Jahre alt, die meisten Zähne fehlen ihr schon, der Rest ist faul. Sie bekommt vom Staat keinerlei Unterstützung und ich denke mir, dass es Exzentriker, also Leute die nicht ganz der Norm entsprechen, wie ich und viele die ich in der Yoga-Szene kennen gelernt habe, es auf jeden Fall in Russland schwieriger haben als in Deutschland. Einiges, was bei uns z.B. bei Yoga Vidya landet und dort konstruktiv an etwas arbeiten kann, geht hier einfach zugrunde …. Ich gebe ihr Tausend Rubel, was soll ich machen. Raisa meint, die ist halt verrückt und gehört eigentlich entsorgt ….

Ich hab auch schon vor ein paar Tagen eine Frau vor der Duma getroffen mit einem Schild umgehängt. Sie ist auch Akademikerin und wurde gewaltsam aus ihrer Wohnung vertrieben. Bilder zeigen, wie sie danach aussah. Sie fordert Entschädigung. Niemand kümmert sich darum. Sie meint, was die Deutschen den Russen angetan haben, sei schon recht gewesen … Als ich ihr ein bisschen Kleingeld geben will, weist sie das zurück. Einen Hundertrubelschein nimmt sie aber schon an …

Zumindest ist das aber mal ein gutes Zeichen in Hinblick Meinungsfreiheit. Der Sozialstaat ist jedoch noch ausbaufähig …

Einem anderen, den ich vorgestern getroffen habe und der mir erzählt, er sei in 4 Jahren aus dem Altai bis nach Moskau gewandert (der auch so aussieht) und gerade bei einer Behörde wegen Unterstützung eine Abfuhr bekommen hat, gebe ich auch 100 Rubel.

Keiner dieser drei hat mich angebettelt, ich fühle mich diesem Land und diesen Menschen, die von den Deutschen millionenfach als Untermenschen vernichtet wurden, schon noch etwas verpflichtet …
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Do. 5. Juni

Beitragvon kashiraja am So 08.06.2014 18:50

Heute meditiere ich mich gut aus (2. Meditation nach nochmaligem Schlaf die beste bisher in Russland). Dann verbringe ich bis 4 Uhr den heißen Tag in der Wohnung, spiele mit Raisa Schach. Auf dem Weg zu einer Konzertveranstaltung um 19:00 Uhr mit dem Rad Abstecher in eines der vielen Einkaufszentren, in dem es auch einen Media-Markt gibt. Der ist hier pink.

In der Konzertveranstaltung für die Mitarbeiter der Bibliotheken und Museen Moskaus, zu der mich Raisa bestellt hat, wird einiges an Kultur geboten. Es treten viele Stars der russischen Musikszene auf, jeder für zwei Stücke. Da freuen sich die Künstler genauso wie das Publikum. Brot und Spiele, was braucht das Volk mehr? Eines Tages braucht es mehr ...

Das Konzert war im Süd-Westen, wo ich bisher noch nicht war. Auf dem Weg zum Kreml entdecke ich wieder viele schöne Plätze. Die Nächte sind jetzt so laus, ich möchte gar nicht in die Wohnung gehen.

Ich fühle mich sehr wohl in dieser Stadt. Inzwischen ist mir noch ein Grund eingefallen, warum mein Bild von Russland so trüb war: Da ist einmal die Kriminalitätsstatistik der Russlanddeutschen, dann die russische Mafia und das Auftreten der reichen Russen in den Urlaubsgebieten. Da ist mir nur Negatives in Erinnerung, vielleicht ist auch unsere Presse nur so gepolt.

Die Leute hier sind aber eher angenehmere Zeitgenossen, als man sie in Westeuropa antrifft. Alkohol scheint hier kein größeres Problem als bei uns.
Nur die orthodoxe Kirche, die sich hier ganz offen als „rechtgläubige“ Kirche (welche eine Anmaßung) bezeichnet, tritt manchmal etwas spießig auf, z. B. kommt man mit Bermudas kaum in eine Kirche …

Ich schau noch mal am Marx-Denkmal vorbei, weil ich mich gestern, um loszukommen, von Nadeschta mit „Bis Morgen“ verabschiedet hatte. Obwohl ich erst kurz vor Mitternacht hingelange, steht sie noch dort. Da sie aber auf meinen wiederholten Gruß nicht antwortet, fahre ich gleich weiter, bin sowieso spät dran. Da ich keinen Schlüssel habe, muss ich Raisa wohl aus dem Schlaf klingeln.

Danach erinnere ich mich, dass Nadeschta ein frisches Hemd anhatte, die zerfetzten Schuhe waren die gleichen. Wahrscheinlich hätte sie nichts dagegen, wenn ich sie hier herausholen würde … und mit etwas Liebe, Unterstützung und psychologischer Hilfe könnte man diese Frau sicher wieder etwas auf Fordermann bringen… Das ist jedoch nicht meine Aufgabe. Mir bleibt nur, die Mutter Maria zu bitten hier einzugreifen …

Als ich spät nach Hause komme, liegt Shamil, ein Tschetschene aus Grozny, auf dem Bett in der Küche und alles ist noch wach. Früher war es in Russland in, Silber und Goldzähne zu zeigen. Raisa fällt auf, dass der Goldzahn Shamils verschwunden ist. Er sagt ein Keramikzahn koste in Grozny rund 60 Euro.

Nun ist es wieder eng in der Wohnung und mir bleibt nur, gleich mit den anderen zu Bett zu gehen. Deshalb mache ich mal wieder meine Asana-Reihe.
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Freitag, 6. Juni - Beginn Seminar mit Shibendu

Beitragvon kashiraja am So 08.06.2014 18:59

Um der Enge in der Wohnung zu entfliehen (Vitali geht heute nicht in die Arbeit und Shamil ist auch noch da) mache ich mich nach der Meditation gleich auf in den Kolomenskajer Park zur Quelle. Auf dem (Um-)Weg treffe ich auf ein Klostergelände, auf dem gerade große Bautätigkeiten im Gange sind – offensichtlich eine Wiederbelegung eines verfallenen Komplexes. Es ist erstaunlich, auf wie viele Kirchen und Klöster man in Moskau stößt und offensichtlich kommen noch immer welche dazu. An der Quelle im Park, wo ich Trinkwasser hole, zeigen mir zwei ältere Frauen, wie man sich in Russland mit dem eiskalten Quellwasser duscht. Drei Mal einen Eimer voll über sich gießen und nach jedem Mal bekreuzigen. Ich lasse mich natürlich nicht lumpen und probiere es aus – das kalte Wasser fühlt sich dann gar nicht einmal so schlimm an …

Heute ist wieder Seminarbeginn mit Guruji in der Sporthalle um 19:00 Uhr. Als kleine Vorveranstaltung stehen Feierlichkeiten am Puschkin-Platz auf dem Programm, dessen Geburtstag heute gefeiert wird. Da ich den ganzen Weg mit dem Rad in die Stadt fahre und es immer wieder was zu sehen gibt (z.B. suche ich in einem Buchladen nach Yoga-Büchern, da ich Raisa eins schenken will. Mir fällt nun auf, dass das Cover aller Bücher durchweg westlichen Standards entspricht, das Layout und die Druckqualität ist allerdings oft sehr billig. Im Bereich Yoga gibt es vor allem Übersetzungen), komme ich ziemlich spät. Es wird aus den Werken Puschkins rezitiert und Gesangsstudenten tragen, begleitet von einem Klavier, Lieder vor.

Nach der Veranstaltung sehe ich noch, wie zwei gut gekleidete Frauen, die jede eine Dose Bier in der Hand hält, von einem Polizisten angesprochen werden. Er kontrolliert die Ausweise und danach werfen die Frauen die Dosen in den Abfallkorb und gehen …

Guruji sagt am Abend so ziemlich das Gleich wie letzte Woche, nur kürzer. Ich meditiere die meiste Zeit und es klappt gut.

Es sind so 150 Zuhörer da. Mit einer Deutschlehrerin unterhalte ich mich auf Deutsch. Sie meint, dass das Sozialsystem in Russland noch nicht so entwickelt ist und wenn jemand etwas bekommt, dann sehr viel weniger als in Deutschland …

Ich erfahre, dass die Einweihungen für den höheren Kriya im Rahmen des Retreats, wahrscheinlich am Samstag den 14. stattfinden.
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Samstag, 7.6.2014 - 2. Seminar 2. Tag

Beitragvon kashiraja am So 08.06.2014 19:06

Das Seminarprogramm wie letzte Woche, nur an einem anderen Ort, diesmal 6 km südlich des Kreml im Zentrum „Otkruitui Mir“ (offene Welt). Als ich vor zwei Tagen die Adresse mal ansteuerte, konnte ich nicht glauben, dass das Seminar in diesem Gebäude stattfinden sollte, weil das von außen wie eine verlassene Fabrikhalle aussah und ich mir nicht einmal die Mühe machte, da mal weiter hineinzugehen, denn auch der Eingangsbereich sah aus wie ein provisorischer Laden.
Doch nun stellt sich heraus, dass das innen ein sehr schön ausgebautes spirituelles Zentrum mit einem großen Saal und mehren Räumen, Café und dem ersten esoterischen Bookshop, den ich in Russland sehe, ist. Die haben sogar die SRF-authorisierte Ausgabe der„Autobiographie eines Yogi“ auf Russisch, die ich gleich kaufe.
Heute sind 106 neue Einzuweihende da und das Programm läuft wieder so konzentriert ab, wie die Woche zuvor.

Das ist wirklich Hingabe an die Sache, die ich hier sehe. Die Kriyabans, die die Techniken vermitteln, sind eifrig dabei, auch wenn es eher wahrscheinlich ist, dass die Genauigkeit der Vermittlung nicht so exakt ist, weil sich der Meister selbst gar nicht darum kümmert, was da wirklich gesagt und eingeübt wird.

Das hinterlässt bei mir aber auf jeden Fall einen besser Eindruck, als wenn ich bei Yoga-Vidya die Säle voll mit „Yogis“ sehe, die sich für nicht viel mehr als die körperlichen Übungen interessieren. Haben die Russen vielleicht mehr einen Blick für das Wesentliche oder ist das Interesse hier nur darauf zurückzuführen, dass das breite spirituelle Angebot, wie es in Deutschland vorhanden ist, noch fehlt. Ein vorschnelles Urteil erspare ich mir …

Es wäre wirklich schön wenn Guruji ein wirklicher Meister wäre. Allerdings leistet er sich auch heute wieder einen Offenbarungseid für jeden der Augen hat zu sehen ... Doch wahrscheinlich ist es besser, wenn viele das nicht sehen …

Für diesen Job ist auch ein einigermaßen guter Lehrer völlig ausreichend.

Für mich heißt dies allerdings, dass ich nicht davon ausgehen kann, dass hier die Techniken in ihrer ursprünglichen Reinheit gelehrt werden. Durch ein schmutziges Glas dringt auch kein Licht unbeschadet durch.

Wenn hier aber die ursprünglichen Techniken nicht zu haben sind, dann vielleicht nirgends. Je mehr ich jedoch über den Kriya-Yoga aus verschiedenen Quellen erfahre, ein desto besseres Gefühl bekomme ich für die Prinzipien des Kriya-Yoga und kann die Übungen für meine Bedürfnisse anpassen.

Ich bringe Raisa wieder Blumen von der Initiation und sie freut sich sehr. Wir machen wieder einen Spaziergang und spielen dann noch Dame, Schach und ein Spiel mit den Damesteinen, das ich bisher noch nicht kannte.
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Re: Pilgerreise nach Russland

Beitragvon Sky am So 08.06.2014 23:28

Sorry wenn ich mal zwischen schreibe.

Aber an den Punkt bin ich auch schon gekommen das es die Technik nicht gibt!

Sondern nur ein grundkonzept.

An Hand des Meisters kann man jedoch erkennen wo dieses Konzept hinführt.

Alles gute und reichliche Erkenntnis weiter auf deiner Reise.

Gruß Sky
"Eine Unze Praxis ist mehr Wert als Tonnen von Theorie."
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So. 8.6. Ende Einweihung II

Beitragvon kashiraja am Mo 09.06.2014 19:24

Vermutlich wegen des groben Schnitzers, den sich Shibendu gestern kurz vor Schluss noch erlaubt hatte, fehlt heute ein wahrnehmbarer Teil der gestern Eingeweihten. Wenn er schon kein Meister ist, wäre es zumindest schön, wenn er die Fassade etwas besser aufrechterhalten könnte … das können andere, die vielleicht noch weniger drauf haben als Shibendu, besser …

Konsequenterweise fragt dann auch jemand einen der Organisatoren, ob er Guruji schon mal (ich hab es nicht ganz verstanden, was genau, aber ich glaube) in Kechari Mudra 2 gesehen habe. Das wird Guruji zugetragen und der regt sich ziemlich darüber auf: Wie weit ein anderer mit seiner Hausreinigung gekommen ist, sei völlig unwichtig für die eigene Hausreinigung. Damit hat er natürlich Recht … Auch das Argument, dass man nur dumm sei, wenn man sich diese Möglichkeit entgehen lässt, an das höchste erhältliche Wissen zu gelangen (gestern waren wir mit der Erklärung der Techniken nicht ganz fertig geworden), schlägt einigermaßen …
Der Hinweis, dass Fixiertheit vieler Schüler auf die (kolportierten) Fähigkeiten des Meisters egoistischen Ursprungs sei, weil sie glauben, er könnte ihnen ihre eigene Aufgabe abnehmen, hat eine gewisse Berechtigung. Allerdings liegt es in Verantwortung des Blinden, sich einen geeigneten Führer zu suchen und er hat auch die Konsequenzen zu tragen.

Ein Russe lässt sich da auch nicht einschüchtern und stell noch mehr Fragen. Worauf Guruji (in Indien wird jeder Schullehrer mit Guruji angesprochen) klar macht, dass er niemands Guru ist und auch nicht sein will. Jeder sei sein eigener Guru und müsse seine Aufgaben selbst erledigen, etc.

Die Antworten kommen alle an und die Truppe, d.h. diejenigen, die noch hier sind, ist versöhnt mit dem Meister.

Für mich war es ganz gut, dass ich die Techniken das dritte Mal erklärt bekommen habe. Bei einigem wird mir erst jetzt richtig klar, wie es gemeint ist.

Heute geht es noch weiter in das Retreat-Zentrum. Es ist schon fast drei Viertel 10 als ich losfahre, doch der Verkehr ist noch ziemlich dicht und die Schnellstraßen hier sind nichts für meine Bremsen .... Alle paar Kilometer kommt eine Ampel.

Der Unterschied Moskau und Land ist krass … Da habe ich plötzlich den Eindruck, ich sei in einem Entwicklungsland …
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Mo. 9.6. Retreat.Beginn

Beitragvon kashiraja am Do 12.06.2014 13:52

Ich hatte zwar den Schlafsaal gebucht, werde jedoch in ein 4-Bettzimmer gesteckt, das sich später als gemischt herausstellt (2 Männer, 2 Frauen).
Tagsüber mache ich mich mit dem Gelände des Nördlichen Kusungars bekannt: ein großes Verwaltungsgebäude, ein großes Gebäude mit Küche und Speisesaal, mehrere Wohngebäude und einige kleiner Hütten, an einer Pagode und anderen Projekten wird gerade gebaut, insgesamt vielleicht 350 m * 350 m, alles eingezäunt. Das Zentrum bildet ein buddhistischer Veranstaltungssaal. Am Nachmittag fahre ich in die nahe gelegene Stadt und bleibe beim riesigen Friedhof hängen. Dort fällt mir auf, dass viele Männer nicht das fünfzigste Lebensjahr erreicht haben ...

Um 18:30 Uhr hält Guruji den Einführungsvortrag und gibt den Ablaufplan bekannt.

6:30 Wecken

7:00 bis 8:30 gemeinsames Praktizieren

8 – 9 Frühstück

9:30 – 11:00 1. Lehreinheit

11:30 – 13:00 2. Lehreinheit

13:00 – 14:00 Mittagessen

14:30 bis 15:30 gemeinsamer Spaziergang

16.00 bis 17:30 3. Lehreinheit

18:00 bis 19:30 4. Lehreinheit

19:30 bis 20:30 Abendessen

21:00 bis 22:00 Tanzen und Singen

Die Tanzveranstaltung am Abend gibt es, weil Guruji sagt, der Tanz sei die einzige Kunstform in der der Künstler nicht von seinem Kunstobjekt getrennt sei. Alle bemühen sich und ich komme ganz gut hinein, nachdem mir das bisher immer ziemlich fremd war. Wir habe unsern Spaß.
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Di. 10.6 - Zweiter Tag Retreat

Beitragvon kashiraja am Do 12.06.2014 14:03

Am nächsten Morgen kommt Guruji 45 Minuten zu spät und erzählt, er sei von einem Mann aufgehalten worden, der unbedingt eine persönliche Beratung brauchte. Dieser hätte ihm dann erzählt, dass eine Schülerin Gurudjis, die dieser vor Jahren in Russland eingeweiht habe, sich selbst zum Guru erkoren habe und jetzt andere in den Kriya-Yoga einweihe. Diese Hure, wie Guruji sagt, habe diesem Mann dann unter Versicherung, sie wisse aufgrund ihrer Meisterschaft im Kriya-Yoga, dass dieser Mann bald sterben würde, soweit gebracht, seine teure Wohnung in einer Stadt zu verkaufen und in einer anderen Stadt, wo diese Frau wohne, eine neue auf deren Namen zu kaufen, weil er ja bald sterben würde. Außerdem habe diese Frau den Mann auch so weit gebracht, Frau und Kinder zu verlassen ...

Interessant ist am Morgen auch die Illustration des Guruprozesses anhand einer Episode aus der Mahabharata: Arjuna fragt Krisha, ob er wirklich gegen die ihm bekannten und geschätzten Krieger auf der gegnerischen Seite kämpfen solle. Dort befände sich doch auch sein Guru (im Bogenschießen, Drona). Krishna antwortet: Die Gurupersönlichkeit müsse getötet werden, denn sie sei nur ein Übergangsstadium und er veranschaulicht den Guruprozess und die Charaktereigenschaften Dronas anhand dessen Umgangs mit einem jungen Mann, der zu ihm gekommen war, um das Bogenschießen zu lernen. Diesen wies Drona wegen seiner geringen Kaste zurück. Ein paar Jahre später erscheint dieser junge Mann bei einem Wettkampf und beweist dort, dass er den Schülern Dronas im Bogenschießen überlegen ist. Drona will nun wissen, wer dessen Lehrer sei (um diesen um die Ecke bringen zu können). Der junge Mann behauptet, er selbst, Drona sei sein Guru es. Das verwundert Drona und er bittet den Mann ihm alles zu zeigen. In seinem Heimatdorf hatte der ehrgeizige Mann eine Statue von Drona errichtet und unter dieser hingebungsvoll trainiert. Da Drona also der Guru des Mannes ist, fragt Drona, wie es mit Guru-Diksha (den Spenden, die der Guru von seinen Schülern erhält, um selbst sein Leben bestreiten zu können) aussähe und er bringt den Mann aus Eifersucht dazu, zu versprechen, er würde ihm alles geben, was der Drona fordere. Drona verlangt dann von dem jungen Mann als Gurudiksha dessen Daumen, so dass dieser niemals mehr als Konkurrent seiner Schüler auftreten könne und der junge Mann hackt ihn sich aus Verehrung für Drona auch ab …

Beim Spaziergang am Nachmittag sehe ich, dass es mit Umweltschutz in Russland noch nicht weit her ist. Um den Müll verschwinden zu lassen (Plastik, Glas) wird in dem sandigen Gelände eine Grube ausgehoben und diese befüllt.

Bei den Unterrichtseinheiten wird meist, d.h. wenn Guruji nichts anderes zu erzählen oder vorzutragen hat, aus ausgewählten Botschaften (die zu einem Heft gebunden sind und verteilt wurden) vorgelesen und Guruji gibt an ausgewählten Stellen Kommentare dazu. Das ist teilweise sehr interessant und wo nicht, kann ich zumindest russisch lernen – wieder ganz anders als in Indien, wo es mich nicht bei diesen Unterrichtseinheiten gehalten hat und ich die meiste Zeit auf der Kumbha-Mela unterwegs war oder mit dem Computer gearbeitet habe.

Am Abend fällt der Tanz aus, weil am nächsten Morgen um 4:00 eine Veranstaltung zur Mutterenergie geplant ist.
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