Pilgerreise nach Russland

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Pilgerreise nach Russland

Beitragvon kashiraja am Do 15.05.2014 19:29

Die beiden Russland-Reiseberichte 2014 und 2015 wurden inzwischen überarbeitet und als eBook in verschiedenen Formaten mit dem Titel "Russland heute - zwei (spirituelle) Reiseberichte" herausgegeben. Darin findet man auch Verlinkungen zu rund 500 Fotos in Web-Alben. Zu beziehen u.a. bei http://www.fyue.de/shop


Da jemand gefragt hat, wie man nur nach Russland fahren kann und ich selbst noch nicht weiß, was daraus wird, führe ich hier wieder ein lockeres Tagebuch zu meiner Reise. Ich hab mal russisch gelernt, war schon zwei Mal in Russland, das letzte Mal 2002 und schon länger wohnt in mir die Sehnsucht, dieses Land wieder zu besuchen. Nach mehreren Anläufen in den letzten Jahren bin ich nun auf dem besten Weg wirklich nach Moskau und darüber hinaus zu gelangen.

Meine Russischkenntnisse frische ich bereits seit Monaten auf, das Visum habe ich seit letzter Woche in der Tasche (Einreise 25. Mai) und zurzeit halte ich mich in Berlin zu den letzten Vorbereitungen auf. Morgen Abend fahre ich weiter nach Stettin (auf der Hinreise und Rückreise möchte ich auch noch ein paar interessante Orte in Polen und Weißrussland abklappern, die auf der Strecke liegen.)

Ohne ein spirituelles Ziel hätte ich mich allerdings nicht überwinden können so eine Reise auf mich zu nehmen. Das ist einmal dadurch gegeben, dass ja Rudolf Steiner voll des Lobes für die spirituellen Potentiale des russischen Volkes ist. Als ich dann im März im Internet nach einer spirituellen Veranstaltung oder einem Pilgerort suchte, der sich rentiert hätte, hinzufahren, wurde ich nicht fündig, kein Yoga-Festival war angesagt. Dann sah ich aber, bei einer russischen Indienbekanntschaft auf Facebook, dass Shibendu Lahiri, bei dem ich in Varanasi und Allahabad keine so guten Erfahrungen gemacht hatte, Anfang Juni nach Moskau kommt und dort eine Einweihung und einen Retreat abhält. (http://xn--h1ads5d.xn--p1ai/)

Dieser Mann ist zwar nicht berauschend, doch zumindest gehört er zur Kriya-Tradition und vermittelt die Techniken relativ rein und ich schiele da noch auf die zweite Einweihung. Diese zu erhalten, ist einmal die Voraussetzung, dass man die von Shibendu vermittelten Übungen bis zu einem vorgegebenen Grad praktiziert hat. Das hab ich zwar nicht gemacht, weil dem meine sich im Laufe der Jahre entwickelte Praxis des Kriya-Yoga entgegensteht. Doch die andere hinreichende Voraussetzung, wie ich in Varanasi erfahren habe, ist das Beherrschen von Kechari 2 und damit wäre ich doch ein Kandidat.

Das ist also mein Ziel, da mal hinzuschaun, möglicherweise die zweite Einweihung zu erhalten, meine Russischkenntnisse aufzufrischen und zu erweitern, etwas mehr in die russische Seele einzudringen und möglichst weit nach Osten vorzustoßen, auf jeden Fall sehr viel weiter als Hitler es dazumal mit all seiner Macht geschafft hat; und dabei vielleicht noch einige heilige und auch touristische Orte zu besuchen. Eigentlich wäre ich gerne mal bis nach Novosibirsk gefahren, doch vermutlich aufgrund des politischen Hickhacks bekommt man für Russland nur ein 30 Tage Touristen-Visum und das ist mir wegen der Termine 30. Mai bis 1. Juni Einweihung in Moskau und 9-15 Mai Retreat in einem buddhistischen Retreat-Center (70 km östlich von Moskau, http://kunsangar.ru/) nicht möglich. Vielleicht komme ich also bis nach Nishni Nowgorod oder Kasan.
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Die Zweifel überwunden

Beitragvon kashiraja am Fr 16.05.2014 19:13

Diese langen Reisen mit dem Auto sind auch immer Tage der inneren Einkehr. Ich bin ja nun schon 10 Tage unterwegs. Und anfangs war das alles eher ungenehm. Die häuslichen Bequemlichkeiten aufzugeben, die Kontakte …. In Bad Meinberg hab ich ein paar Tage Freude und Lebenslust getankt und heute ist nicht nur der erste sonnige Tag, Die Meditationserfahrung war sehr erhellend. Ich weiß nicht, ob das nur eine vorübergehende Einsicht ist, doch wurde mir klar, dass die Schwäche in meiner rechten Körperhälfte, wohl mit keinen irdischen Mitteln zusammenhängt, dass das wohl Ausdruck meiner spirituellen Kraft in einem vergangenen Leben (oder auch meiner kompletten Existenz) sein muss, die mir hier noch fehlt, und dass ich diese Kraft nur durch Om (diese Grundschwingung, die man hören kann und auf die Yogananda so oft hinweist, die man aber auch so leicht wieder aus dem Blickfeld verliert) in mich hineinbekomme. Om also heruntertransformieren in den physischen Körper. Dabei ist Om das Höchste und stabilisiert gleichzeitig die Gefühlswelt, dann kommt das innere Licht und das stabilisiert die Gedankenwelt und dann kommt noch die Zunge aus Kechari, die zum dritten Auge strebt und irgendwie den Herzschlag kontrolliert oder beruhigt. Damit war es mir heute möglich, sehr konzentriert zu werden, ohne viele Techniken. Die Hierarchie Om – Licht - Kechari ist wichtig, Om muss immer das erste sein und die anderen Elemente führen. Das ist ähnlich wie bei der Ober- und Unterordnung in jedem funktionierenden gesellschaftlichen Konstrukt (Familie, Gemeinde, Betrieb, Staat …). Die Om-Kraft kommt aber so über diese Hierarchie nach unten in den Körper und kann da die rechtsseitige Schwäche ausgleichen, die ich seit der Geburt mitbekommen habe.

Die Zusammenhänge müssten bei jedem Menschen ähnlich sein. Denn was ist alles Streben nach Gott? Man übt sich darin, sich mehr und mehr auf die Om-Kraft zu stützen und diese zur einzigen Abhängigkeit im Leben zu machen. Mit der Om-Kraft geht es ins Unendliche weiter. Alle anderen Abhängigkeiten führen früher oder später ad Absurdum …

Die Om-Kraft für sich nutzbar zu machen, braucht es Übung. Natürlich ist das ganze Leben Übung darin. Die spirituellen Yoga-Übungen sind jedoch in ihren Wirkungen um ein Vielfaches potenter, als das tägliche Leben. Das ist vergleichbar mit Computerprogrammen. Ein Programm kann man durch Anwendung immer besser nutzen, das hat jedoch seine Grenzen in dem, was der Programmierer vorgegeben hat. Will man grundlegende Verbesserungen oder neue Funktionen einrichten, muss man im Programmcode was ändern. In der Meditation und spirituellen Übungen begeben wir uns auf Ebenen in uns selbst, auf denen wir den Programmcode für uns verändern und somit grundlegende Veränderungen in unserem Leben bewirken können.

Diese Reise war mir die letzten Tage teilweise als ziemlich idiotisch vorgekommen. Was will ich dort in Russland? Von den Informationen her, die man im Internet sammeln kann, ist da spirituell nicht viel zu holen etc. (Doch solche Zweifel befallen mich ja im Anfangsstadium fast jeder Reise)

Die heutige Meditation hat mir aber wieder gezeigt, dass meine Reisen ein wichtiger Baustein in meiner spirituellen Entwicklung sind und da ja unsere spirituelle Entwicklung das ist, was unsere eigentliche Existenzberechtigung darstellt, haben diese Reisen aufgrund der spirituellen Erfahrungen, die ich damit mache auch ihre Berechtigung. Und wenn man das Ganze ohne die materialistische Hypnose betrachtet, in die man ja so leicht hineingerät, ist das auch das einzige, was Berechtigung hat. Das andere, das materialistische Werkeln, ist nur unterstützendes Beiwerk. Jeder bastelt an einem Kunstwerk und das ist er selbst.

Damit ist nun der Frieden in mich eingekehrt, den ich auf diesen Reisen so liebe. Das äußere Werkeln ist nicht so wichtig: „Einfach sein“ – das Motte des diesjährigen Berliner Yoga-Festivals – und natürlich meine tägliche Yoga-Praxis, die der, die ich zu Hause absolviere, in Nichts nachsteht, sind völlig ausreichend um mich vor mir zu rechtfertigen – aber natürlich nutze ich auch meine Zeit um mich weiterzubilden und etwas zu arbeiten. Heute im Zeitalter des Internets und der Computer ist alles leichter miteinander in Einklang zu bringen.
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Re: Pilgerreise nach Russland

Beitragvon Sky am Sa 17.05.2014 12:48

Namaste!

Freue mich auf neue Einsichten auf deiner Reise.
Sehr inspirierend was du berichtest.

Schöne Zeit!

Gruß Sky
"Eine Unze Praxis ist mehr Wert als Tonnen von Theorie."
- Paramahamsa Hariharananda -
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Re: Pilgerreise nach Russland

Beitragvon kashiraja am Mo 19.05.2014 11:27

Am Freitag dem 16. Mai war ich nachmittags noch in der Charlottenburger Bibliothek und kam dort mit einer 23-järigen Vietnamesin ins Gespräch, die mir erzählte, sie und eine ganze Gruppe von jungen Vietnamesen (an die 100, 90% Frauen) seien von einer Pflege-Organisation angeworben worden, in Deutschland Altenpfleger zu werden. Sie ist gerade 6 Monate in Deutschland, spricht kein Englisch und bereitete sich gerade auf die Prüfungen vor. Sie kommt vom Land, der Vater ist Bauer und sie ist die älteste von drei Geschwistern. Im Altenheim hat sie mit Dementen zu tun, die immer dasselbe fragen … Irgendwie sonderbar, dass Deutschland so weit ausgreifen muss, um den Bedarf an Altenpflegern zu decken …

Etwas später als geplant ging es dann abends aus Berlin heraus. Als es dunkel wurde war ich gerade in Eberswalde und nächtigte dort. Der nächste Tag war einigermaßen sonnig und ich kam bald in meinen Reisetrott hinein, d.h. überall anzuhalten, wo es etwas Interessantes zu sehen gibt und dort eine Lesepause einlegen. Das war einmal beim Kloster Chorin, dann bei Schwedt an der Oder und dann noch hoch auf einem Endmoränenhügel mit weitem Blick übers Land. So kam ich dann erst gegen Abend nach Stettin, wo ich die Stadt mit dem Rad erkundete, einer Messe beiwohnte und mich dann noch längere Zeit auf dem Turm der Jakobskirche mit schönem Blick über Stadt und Land aufhielt, denn es war schon wieder ziemlich kühl geworden.
Was mir hier gleich auffällt: Als ich vor 15 und 17 Jahren das letzte Mal in Polen war, hat mich die Schönheit der Frauen überrascht. Heute sehe ich davon nichts mehr und ich vermute mal, dass das mit der damaligen misslichen wirtschaftlichen Lage und der heutigen guten zusammenhängt. Heute sind alle gut genährt, damals hatten sie wohl nur erzwungenermaßen eine gute Figur …

In der Nacht begann es wieder heftig zu regnen und mir scheint es so, als würde ich diesmal mit dem schlechten Wetter mitreisen – seit zwei Wochen gerade mal 3 sonnige Tage … Davon lass ich mich aber nicht stören und lege auf der Strecke Richtung Danzig bald einen Abstecher in ein Dorf (Bodzesin)ein. Auf dem Friedhof gibt es noch einen deutschen Grabstein. Die Vögel zwitschern sehr laut, man hört hier Stimmen von Mensch und Tier viel mehr als Motorengeräusch, alles scheint um ein zwei Gänge zurückgeschaltet und ich denke, das ist nicht nur sonntags so). Man kann sich hier auch leicht in eine vergangene Zeit versetzen, auch kein Handy- oder Internetempfang – nur die Autos und Maschinen zeugen vom menschlichen Fortschritt. Alles fährt hier inzwischen gute Westautos und kann mit Recht auf meine alte Schese herunterblicken …

Ich lasse das Auto bei der Kirche stehen und fahre mit dem Rad noch etwas aus dem lockeren Straßendorf heraus und noch etwas weg von der Straße, lese und hole bei Kälte (12) und Nässe mein Arbeitspensum nach, das von gestern Abend wegen Müdigkeit noch übrig ist. Zumindest regnet es nicht mehr und der Bildschirm ist auch im Freien gut lesbar …

Was diese Reisen so erfrischend machen, sind die vielen kleinen Erlebnisse, die einen näher zur Natur bringen, schon alleine, wenn die Natur Toilette und Badezimmer ist, das ist jedes mal ein anderes Erlebnis oder hier wo ich gerade auf einem Findling sitze und dies schreibe bemerke ich, wie meine Hose voller Ameisen ist …
Notgedrungen bade ich abends, nachdem ich nach Mielno weitergefahren bin, noch in der Ostsee (und wasche mich), was ich nie tun würde, würde ich im Hotel wohnen. Das kalte Wasser macht mir gar nicht so viel aus, allerdings hat der Himmel inzwischen aufgeklart. So ein Urlaub ist ein Urlaub mit meiner liebsten und treuesten Freundin, der Natur. Hat mich auch mal einer gefragt (auf der Fähre von Baku nach Aktau), ob ich alleine reise und ich hab geantwortet: „Nein, Gott ist mit mir“ und so fühle ich mich auch.

Am Strand verbringe ich auch den Abend und bleibe übernacht in Mielno.
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Danzig

Beitragvon kashiraja am Di 20.05.2014 18:04

Mo. 19. Mai
Die Sonne gestern Abend gab es wohl nur, um mir das Baden etwas zu versüßen. Heute schon wieder Regenwetter. Zu Hause war die Entscheidung schwierig, welches Fahrrad ich mitnehmen sollte: Mountenbike oder Klapprad. Obwohl ich mich nach dem Mountainbike-Comfort schon etwas sehne, war das Klapprad doch die bessere Wahl, denn dieses nimmt so wenig Platz ein, dass ich es immer im Auto lassen kann.

Als das Wetter gegen zwei besser wird, mache ich mich auf den Weg nach Danzig, zunächst halte ich jedoch Ausschau nach einer Reparaturwerkstätte, meine Auspuffaufhängung ist gerissen. Ich hab zwar das Gummiersatzteil dabei, doch um es selbst zu reparieren fehlt mir das Werkzeug. Der Mechaniker spricht ein wenig Deutsch und macht sich gleich mit Eifer an die Arbeit, aber so, dass ich befürchte, er macht mehr kaputt als er repariert. Wie er es anstellt, geht es nicht, möchte ich ihm erklären. Doch er hört nicht auf mich und bringt es irgendwie hin, dass es aussieht, als sei es repariert. Ich gebe mich etwas zu vertrauensselig zufrieden und zeige mich, weil ich in Polen fast noch kein Geld ausgegeben habe, großzügig, 20 Euro für 15 Minuten Arbeit bekommt er sicher nicht oft. Leider höre ich den Auspuff bald wieder scheppern, als ich vor Danzig mal schärfer um eine Kurve fahre … Am nächsten Tag kaufe ich mir für ein paar Euro das nötige Werkzeug und mache es selbst. Mein Auto ist zwar schon 26 Jahre alt und der Tüv ist auch seit April ausgelaufen, doch inzwischen hab ich ziemlich Vertrauen zum Opel Kadett“, den ich schon 22 Jahre fahre. Es kann nicht viel kaputtgehen, und wenn was kaputt ist, kann es meist mit relativ einfachen Mitteln repariert werden … Leider wird das wohl die letzte Reise mit diesem Gefährt …

Gdingen und Danzig sind eine riesige Agglomeration. Da sich die Fahrt wegen des Verkehrs doch länger als erwartet hinzieht, streiche ich kurzerhand das Ziel Gdingen und komme gegen 19 Uhr bei Sonnenschein in Danzig an, wo ich auch gleich neben der Altstadt einen Parkplatz finde, der sich auch für die Übernachtung eignet. Hatte Stettin teilweise noch einen recht heruntergekommenen Eindruck gemacht, ist hier so ziemlich alles topp modern. Ein paar Baulücken sind im Bereich der Altstadt noch zu schließen, doch die Polen haben sich ganz schön hochgerappelt seit dem letzen Mal, als ich im Land war. Die prachtvolle Altstadt, die aus Ruinen wieder rekonstruiert wurde, lässt mich etwas wehmütig an den Hasardeur Hitler denken. Es war wahrscheinlich nötig, den Krug bis zur Neige zu trinken. Doch all die schönen Städte, die nur teilweise rekonstruiert wurden. Hier bildet der sehenswerte Teil der Stadt auch nur eine relativ kleine Insel im städtischen Einerlei…

Noch ein Kochrezept für einen low-c(k)ost-traveler: Man weiche Nudeln in beliebiger Menge in ausreichend Wasser übernacht ein, gebe am nächsten Tag etwas Öl und ein paar salzige Erdnüsse dazu, mische je nach Gusto geschnittenes Gemüse hinein und fertig ist ein nahrhaftes Gericht. Schmeckt sehr gut, besonders, wenn man ausreichend Hunger mitbringt.

Allerdings ist es in Polen noch nicht nötig so sparsam zu sein. Auch wenn die Preise im Super- oder Heimwerkermarkt ziemlich den Deutschen Verhältnissen angeglichen sind, was auf der Straße oder in Restaurants angeboten wird, scheint noch um einiges billiger als in Deutschland.

Heute um 19:00 Uhr geht’s noch weiter nach Marienburg.
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Marienburg, Ostroda, Masuren, Augustow

Beitragvon kashiraja am Fr 23.05.2014 13:24

21. Mai 2014

War Pommern abwechslungsreich hügelig, beginnt hinter Danzig eine glatte Ebene und darin, ganz anders als ich mir das vorgestellt hatte, ragt an einem Fluss die riesige Anlage der Deutschordensfestung, ein roter Backsteinbau, in die Höhe. Der deutsche Orden wurde in Jerusalem von Kreuzrittern gegründet und sollte dem Schutz und der Verbreitung des Christentums im Baltikum dienen. Obwohl im Krieg auch zu 50 % zerstört, vieles also nur Rekonstruktion ist und teilweise noch Provisorium, ist dieses achthundert Jahre alte historische Zeugnis doch sehr beeindruckend und lädt gerade dazu ein sich in eine andere Zeit und Welt unter ganz verschiedenen Gesichtspunkten zu versetzen. Mit Audio-Guide und einigen Ausstellungen braucht man mindestens einen Tag um alles gründlich zu besichtigen. Ich verlasse den Komplex um 7 Uhr abends, nehme noch ein Bad im Fluss und fahre dann weiter gegen Osten, bis es um 9 zu dunkeln begann.

In Ostroda hab ich den Parkplatz für die Nacht nicht sorgfältig gewählt. Es ist zwar still, doch am nächsten Tag während der Meditation merke ich, dass das Auto mitten in der Sonne steht. Ich kürze also ab und fahre schon um 8 weiter Richtung Olztyn, suche mir dann aber bald etwas abseits der Straße einen ruhigen Platz im Wald, wo ich noch etwas meditiere, um dann geruhsam mit meinem Russischpensum und der Mahlzeit (heute gibt es Müsli) in den Tag starten.

Die große Ebene von Marienburg hab ich schon länger verlassen und befinde mich jetzt im hügeligen und seenreichen Masuren. Hinter Olztyn nehme ich mir den ersten See, der einigermaßen zugänglich ist (die touristische Erschließung scheint noch nicht so weit) vor, stelle das Auto ab und mache mich zu einer Umrundung des 7 km langen Sees mit dem Rad auf, lege mehrmals am Ufer Lesepausen ein und bade auch noch einmal. Herrliche Natur und niemand außer mir scheint sich dafür zu interessieren …

Von Danzig bis hier und noch weiter, das gehörte alles mal zu Ostpreußen. Die Spuren deutscher Vergangenheit sind aber kaum noch auszumachen. – Allerdings gibt es in jeder größeren Stadt Geschäfte wie Lidl, Kaufland, Obi oder Media-Markt

Auf der Weiterfahrt am Abend nach Augustow, lege ich eine etwas radikalere Bremsung ein als ich rechts neben der Straße eine Einfriedung mit Kreuzen sehe und steche zurück, um feststellen, dass es sich noch um eine kleine deutsch-russische Kriegsgräberanlage aus dem ersten Weltkrieg handelt …

Die starke Bremsung nimmt mir aber mein Auto wohl übel: ich merke bei der Weiterfahrt, dass da etwas den Leerlauf hemmt, ein Problem, das zum ersten Mal nach der halbjährigen Standzeit während meiner Indienreise auftrat. Die Bremsbacken meines rechten Vorderrades scheinen etwas eingerostet und lösen sich nicht mehr so elastisch vom Rad (funktioniert alles über Hydraulik). Ich hatte gedacht, das Problem wäre behoben und würde sich durch das viele Fahren ohnehin geben. In Elk lege ich eine Pause ein und überzeuge mich, dass beide Reifen vorn sind ziemlich heiß sind und als ich auf den rechten Wasser gieße, zischt es von der Bremsscheibe, obwohl ich fast nicht gebremst hatte. Starke Bremsungen sollte ich also vermeiden. Da es in Augustow rechts immer noch zischt, hole ich den Wagenheber heraus, nehme das Rad ab und versuche die Dinge an der Bremse zu lockern. Plötzlich bewegt sich mein Wagen, weil die Standfläche nicht ganz eben ist, etwas nach vorn, der Wagenheber kippt um und mein rechtes Rad ohne Reifen kracht auf den Steinboden, dass ich schon meine, alles sei aus … und wie sollte ich mit dem Wagenheber da noch mal drunterkommen, um den Reifer wieder draufmachen zu können…

Am Ende ging’s dann aber doch, nichts kaputt und das Rad dreht sich wieder ohne zu schleifen. Nur inzwischen bete ich doch ein wenig, dass dieses Auto noch die nächsten sechs-sieben Wochen durchhält. Es ist ja nicht nur Beförderungs- und Transportmittel sondern gleichzeitig mein Hotel Opel, in dem ich so günstig übernachte … z.B. in Augustow in einem Wohngebiet unter einem Baum …

So kann ich am nächsten Morgen nach der Meditation in das Stadtzentrum radeln um zu lesen und schreiben und mir auch die Stadt noch etwas genauer anzusehn. Man meint ja immer, den Namen hab ich noch nie gehört, das liegt so weit im Osten ganz am Rande der Karte, was kann denn das schon los sein. Doch Augustow ist eine schmucke Kleinstadt an einem See mit vielen Bildungseinrichtungen und schnell wird mir klar, dass man sich hier wie überall auf der Welt am Gravitationspunkt der Erde fühlen kann …

Heute geht es weiter nach Weißrussland …

Ach ja, noch mal ein Kochrezept: Eine Packung Sauerkraut gut mit Öl anrühren, Zwiebeln oder Lauch reinschneiden, etwas Wasser dazu. Mit einem guten Brot schmeckt das super …
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Re: Pilgerreise nach Russland

Beitragvon parvati am Mo 26.05.2014 21:29

hmm..ich bin so neugierig;)
Angenommen du triffst dann einen Babaji-ähnlichen Avatar..was meinst du was wäre dann?

was erfährst du wenn du über das Om meditierst...fühlst du es über unter in dir? Fühlst du wie du mit diesem eins wirst?

Das Om "säubert" den Rest
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Erster Tag in Weißrusssland

Beitragvon kashiraja am Di 27.05.2014 09:04


Hallo Parvati, nein was Babajiähnliches erwarte ich in Russland nicht, hab's auch nicht in Indien gefunden und ich zweifle sehr daran, ob all die vielen Geschichten über Begegnungen mit ihm und ob die vielen Avatare, die heute kleine Grüppchen anführen sollen, echt sind. Mir reichen Yogananda, seine Linie und Maria und natürlich der Avatar, der ich selbst einmal sein werde ... :oops: Zum anderen findest du im spirituellen Tagebuch mehr ...
LG

23. Mai
So ein Smartphone erleichtert die Reise schon beträchtlich. Neben den Kommunikations- und Mediafunktionen ist besonders Google Maps hilfreich. Allerdings funktioniert die Navigation nur mit Datenvolumen. Gerade zum finden ins Zentrum einer Stadt und heraus auf die richtige Straße ist das sehr hilfreich. Früher musste man immer wieder anhalten und fragen. Jetzt reicht ein kurzer Blick auf den Standort und die umgebende Karte um Orientierung zu schaffen. Allerdings hat mich Google Maps beim Finden des richtigen Grenzübergangs nach Weißrussland etwas hinters Licht geführt. Ich hatte mir schon gedacht, dass die Frage des Grenzübergangs auf gerader Strecke von Augustow nach Hrodna erst noch zu klären sei. Doch als mir die Navigation diese Verbindung als erste Wahl anzeigte, machte ich die Probe aufs Exempel – nur um kurz vor der Grenze von einem Soldaten aufgehalten, sorgsam untersucht und dann zum Grenzübergang weiter südlich geschickt zu werden.

Dort bot sich mir etwas, was ich schon lange nicht mehr erlebt hatte – eine kilometerlange LKW-Schlange und auch eine PKW-Schlange von mehreren hundert Metern. Ich richtete mich schon auf mehrere Stunden Wartezeit ein, da hielt neben mir ein Kleinwagen mit polnischem Kennzeichen, eine stämmige ältere Frau am Steuer. Sie sprach mich an, etwas mit „buistra“. Ich verstand zuerst nicht, was sie wollte, dann merkte ich, dass das russisch sein könnte, und begann mir nach mehrmaligem Nachfragen einen Reim drauf zu machen, was sie wollte. Wenn ich es eilig hätte, sollte ich ihr folgen, ich könne die Schlange umgehen. Natürlich will ich das und fahre ihr nach. An einem Kiosk begannen die Verhandlungen und genaueren Erklärungen. Ich sollte 50 Euro zahlen, dann könnte ich gleich bis zum Schlagbaum fahren. Im Grunde war ich nicht abgeneigt und drückte den Preis noch auf 30 Euro. Ich hatte in Polen in 6 Tagen neben Benzinkosten noch keine 70 Euro ausgegeben, da konnte ich hier „für einen guten Zweck“ ruhig mal kleckern. Ich vertraute den Leuten also, einer ganzen Gang, die sich angeblich mit den Grenzbeamten abgesprochen hätten und gehe auf den Deal ein, fahre bis zum (ersten) polnischen Kontrollposten an den wartenden Autos vorbei und – werde durchgewunken …

Dann beginnt aber erst die Tortur. Auf beiden Seiten Pass und Zollkontrolle, meine ADAC-Auslandskrankenversicherung wird nicht akzeptiert (2 Euro für eine weißrussische kann man verschmerzen) und ich reihe mich aus lauter Unkenntnis in Weißrussland in die langsame Schlange für die Deklarierung von Waren ein, in der ich mich bald völlig fehl am Platz empfinde, da ich ja nichts zu verzollen habe. Doch man sagt mir, es sei schon richtig, ich müsse mein Auto anmelden. – So etwas kannte ich bisher nur von arabischen Ländern… Am Ende nach endlosem Formular- Hinundherschieben, Ausfüllen und Abstempeln (wer liest denn das jemals noch) sind an dieser Grenze 3 Stunden draufgegangen (hätte ich die 30 Euro nicht gezahlt, hätte das Ganze wahrscheinlich noch mindestens ein bis zwei Stunden länger gedauert) Da man solche Grenztorturen in West-Europa nicht mehr kennt, hat das Ganze einen gewissen Erlebnischarakter. Doch nur dafür, dass die Politiker die Zollkontrollen innerhalb der EU abgeschafft haben, muss man ihnen schon dankbar sein …

Auf jeden Fall hatten sich hier meine Russischkenntnisse und -vorbereitungen schon mal bewährt, das hatte ich irgendwie gefühlt, dass ich die bräuchte und den Polnisch-Sprachkurs, den ich mir in Frankfurt gekauft hatte, lieber für die Rückfahrt aufgehoben.
Leider musste ich aber auch feststellen, dass das Problem mit meinen Bremsen bei Leibe nicht behoben war. Einmal schärfer gebremst und es begann schon wieder zu schleifen. Von nun an auf diesen oder jenen Schnappschuss oder interessanten Ort, an dem ich gerade vorbeigefahren war, vorausschauend fahren, den Motor einsetzen … und hoffen dass das Problem von alleine vergeht, was es insoweit tut, dass es wieder einigermaßen normal wird, wenn sich die Reifen mal wieder abgekühlt haben …

Um 8 Uhr abends Ortszeit (eine Stunde Zeitverschiebung) fahre ich weiter und bin nun wirklich gespannt, wie es in einem Land aussieht, wo einer was zu sagen hat und alle anderen kuschen müssen, wähle nicht die direkte Straße nach Minsk sondern erlaube mir noch den kleinen Umweg durch Hrodna und da bin ich schon etwas verblüfft über die Gegensätze. Auf der einen Seite protzige Straßen und (geschmacklose) rechteckige Klötze (die aber zumindest etwas beeindrucken) in der Stadt - auf dem Land fast ausschließlich einfache Holzhäuer. Die Dörfer haben keine Struktur, sind nur Ansammlungen von Hütten. Man sieht große bebaute Felder, doch keine großen landwirtschaftlichen Anwesen oder Maschinen. Das Land ist äußerst dünn besiedelt … Die Straße führt immer wieder mal ganz nah an einem „Gehöft“ vorbei (Eine Hütte und ein Schuppen, ein Baum … das ganze umzäunt), man sieht aber nicht, ob das noch bewohnt ist oder nicht.

Als es mir rund 100 km vor Minsk zu dunkel wird, fahre ich von der Schnellstraße herunter und folge einem Schild, das einen Ort in 2 km Entfernung bezeichnet. Von dieser Hauptstraße großteils westlichen Standards (nur Zebrastreifen über eine derartige autobahnähnliche Straße kommt mir neu vor) geht es unmittelbar über in eine Sandpiste durch einen Wald. Dann eine Lichtung mit Feldern und mehreren locker angeordneten einfachen Holzhäusern und Stallungen, teilweise verfallen, in zwei drei Häusern sehe ich Licht scheinen. Ich möchte gerne durchfahren und mich irgendwo im Wald dahinter, am liebsten in ein Birkenwäldchen stellen. Doch beim Hauptweg müsste ich bald eine größere Mulde mit einer riesigen Wasserlache überqueren, deren Auskundschaftung ich mir heute Abend ersparen will. Der andere Weg der aus dem Dorf herausführt geht bald in einen Feldwege mit tiefen Einfurchungen von Traktoren über, wo für mich kein Weiterkommen ist. Ich gebe mich mit dem bisschen Sonnenschutz einiger Hecken für morgen früh zufrieden und unterlasse es tunlichst, mich außerhalb des Autos aufzuhalten - es wimmelt hier von Moskitos … (Apropos, hier wird die Front des Autos noch zum Fliegenfriedhof, etwas, an was ich mich von früher her noch erinnere, was aber in Deutschland nicht mehr üblich ist). Hier, in zwei Kilometer Entfernung von der Hauptstraße ist der Hund wirklich begraben, d.h. es bellt auch nicht einmal ein Hund.
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Minsk

Beitragvon kashiraja am Di 27.05.2014 11:15

Samstag 24. Mai

Obwohl ich in Sichtweite einiger der Hütten stehe, kümmert sich am nächsten Morgen niemand um mich. Ich höre nun aber doch etwas Hundegebell, Hähne krähen auch ein Auto scheint mal durch die große Pfütze und weiter zu fahren. Um 11:00 schleicht eine ältere Frau in etwas Entfernung an meinem Auto vorbei und traut sich gar nicht herzuschauen …

Es wird Zeit für einen Erkundungsspaziergang und ich stelle bald fest, dass das Dorf eine viel größere Ausdehnung hat, als ich am Vorabend noch annahm, dass aber auch sehr viele der einfachen Holzanwesen (ich schätze mal 70 %) dem Verfall preisgegeben sind. Es leben hier nur noch alte Leute und weil Samstag ist, sind wohl noch ein paar Leute aus der Stadt zu ihrer „Datscha“ aufs Land gefahren. Kinder Fehlanzeige. Das ganze hier ist also ein Blick in die Geschichte. Nach der Runde zu Fuß nehme ich dann noch mein Rad und fahr den Hauptweg durchs Dorf weiter aus dem Dorf hinaus (der tiefe Graben von gestern Nacht hat sich als große Pfütze erwiesen, die mehr als die Breite des Weges einnimmt), um möglichst den Wald zu erreichen. Nach dem Friedhof und 2 km kommt das nächste, kleinere Dorf, wo ein noch größerer Prozentsatz der Anwesen verlassen ist. Der Weg macht dann eine Biegung und führt in ein paar Hundert Metern parallel zum Wald nach Osten … Mein Standplatz für die Nacht war also unter den Umständen die beste Wahl.

Um 1 Uhr fahre ich weiter, bin kurz nach zwei in Minsk und stehe, wie sich herausstellt, sogar mitten im Stadtzentrum.

Hatte mich das, was ich bisher von dem Land gesehen hatte, doch etwas bedrückt, macht das, was ich hier in Minsk zu Gesicht bekomme, doch einen recht positiven Eindruck – große Plätze, interessante Bauten, breite Straßen. Nichts was einen umwirft, aber alles ist sauber, sogar sauberer als in einer deutschen Großstadt und in einem guten Zustand. Es gibt imposante Gebäude, große Plätze, Einkaufsgalerien, der Bahnhof ist sehr modern ... Die Innenstadt habe ich in zwei Stunden so ziemlich abgefahren, sie hat eine klare Struktur, nur vielleicht etwas steril – keine Straßenmusikanten, keine Fußgängerzone, kein wildes Plakatieren (deshalb hänge zumindest ich an nicht zu sehr exponierter Stelle vier Plakate zum Berliner Yoga-Festival aus), aber sonst macht das gar keinen schlechten Eindruck – einziges Manko, es gibt in der ganzen Stadt kein kostenloses Wifi …

Ich bin ziemlich verschwitz, die Hitze in der Sonne grenzt inzwischen ans Unerträgliche. Da ich auf dem Weg nach Minsk auf kein geeignetes Gewässer gestoßen bin (die Wasserqualität scheint auch nicht so gut), wähle ich diesmal die triviale Methode des Waschens. Gleich in der Nähe meines Parkplatzes finde ich eine stille Ecke und mache mich dort mit zwei Litern Wasser aus der Wasserflasche schön für den Abend (eigentlich sind 1,5 Liter ausreichend für eine Komplettdusche, Rasieren war aber auch mal wieder angesagt). Denn am Samstagabend sollte doch auch hier in Minsk etwas los sein …

Auf dem Weg zu einer Kirche, die ich noch nicht besucht hatte (ich war in zweien und diese müssen katholische gewesen sein) sehe ich einen Stand mit augenscheinlich köstlichem Eis und möchte mal wissen was ich mir als frisch gebackener Millionär (ein Euro entspricht 13750 weißrussischen Rubel) von meinem Reichtum kaufen kann. Am Ende bekomme ich für einen Euro (Geld wechsle ich keins) gerade mal für eine Kugel, die wird auch noch grammgenau abgewogen und das danach folgende Hantieren mit der üppigen Menge an Geldscheinen führt dazu, dass eine Schlange mit 5 Leuten in einer gefühlten halben Stunde abgearbeitet ist. Das Eis ist dann auch noch geschmacklos oder ist einfach alles fad im Vergleich zu dem, was ich jeden Tag aus mir selbst heraushole …

In der Kirche ist ein orthodoxer Gottesdienst im Gang. Keine Bänke, alles steht andächtig ungeordnet; der liebliche Gesang eines Chores und die ganze Mannschaft von Priestern und Mönchen stimmt dann auch noch vielstimmig ein. Der Gesang in den orthodoxen Kirchen ist ein Genuss. Danach beobachte ich wie Leute die vielen Bilder an den Wänden abknutschen, oder zumindest Stirnkontakt etc. herstellen und übe mich auch etwas darin, ohne etwas besonderes zu fühlen, vielleicht liegt das aber auch nur an dem Eis …

Von der erhabenen Position des Kirchenvorplatzes sehe ich dann am Flussufer eine kleinere Menschenmenge und vermute, dass da was los sein könnte.

Es stellt sich dann wirklich heraus, dass da nicht nur ein bisschen was los ist. Da feiern schätzungsweise einige Zehntausend Menschen. Denn bis zum Sportpalast, wo gerade die Eishockeyweltmeisterschaften stattfinden, gibt es eine Fanmeile, allerdings ohne Public Viewing. Da sind Verkaufsstände, ein Jazz-Konzert, Bierausschank, Tische, Stühle, viel Grüppchen sitzen einfach mit Getränken und Speisen auf der Wiese, am Flussufer, auf Steinterrassen etc. und immer wieder Sprechchöre mit „Rassia“ oder „Belorassia“. Da ist also mächtig was los und ich denke schon. Lukaschenke hin oder her, wenn diese Leute so ausgelassen feiern können, es ihnen offensichtlich gut geht und die Stadt mit vielen kleinen und großen Einzelheiten glänzt, was kann da an den politischen Zuständen falsch sein.

Ich setz mich also an einen Ort mit etwas Überblick und beginne, heute recht spät (9 Uhr), mit meinem Russischpensum. Um auch noch ein wenig zu übersetzen suche ich mir, nachdem es zu Dunkel fürs Lesen geworden ist) noch einen anderen geeigneten Platz in dem Getümmel und finde den nach einigem Suchen auf den überfüllten Uferterrassen. Hier spricht mich dann nach einiger Zeit ein schon etwas angetrunkener und eine Zigarette nach der anderen rauchender Weißrusse an und es entwickelt sich schön langsam ein Gespräch, bei dem ich nicht alles verstehe und zuerst auch nicht glauben kann. Doch dieser 35 jährige Mann, geschieden, eine Tochter, mit drei Studienabschlüssen, was er genau macht um seien Lebensunterhalt zu verdienen, wird mir nicht ganz klar, versichert mir (immer wieder mit vorgehaltener Hand und darauf bedacht, dass da niemand mithöre, denn da seien so viele Spitzel und besonders weibliche, die die schlimmsten seien), dass diese Feierlichkeiten etwas ganz Außergewöhnliches in der Stadt seien, dass man sonst von der Polizei zur Rechenschaft gezogen würde, wenn man in der Öffentlichkeit Alkohol trinke, dass es solche Feierlichkeiten, wie er immer beteuert, „seit 200 Jahren“ nicht mehr gegeben hätte und diese Show anlässlich der Eishockey-Weltmeisterschaft nur aufgezogen würde, um vor den westlichen Besuchern und der Presse ein Bild der heilen Welt zu generieren, dass 90 % der Bevölkerung arm sei, dass Lukaschenko und seine korrupten Helfer eine große Öl und Gasmafia seien, dass die orthodoxe Kirche da mit unter einer Decke stecke, dass die vielen SUVs und anderen teuren Nobelautos nur die Leute vom Lukaschenko-Klan fahren, dass er sich nach einer Veränderung, nach einer demokratischen Entwicklung sehnt, dass aber die mächtigen Russen, die doch nichts hätten als ihre Bodenschätze, da kräftig mitmischten usw. ….
Er habe sich bei sich zu Hause die Möglichkeit geschaffen, einen unabhängigen Fernsehsender zu empfangen und wisse über alles Bescheid. Auf die Frage, ob es da mehr Leute gäbe, die so denken wie er, muss er aber zugeben, dass die meisten sich willig in ihr Schicksal fügen oder versuchen innerhalb des Systems vorwärts zu kommen …
Am Ende vereinbaren wir, dass wir zu seiner Wohnung fahren, er mir seine subversive Einrichtung zeigt und ich bei ihm übernachte … In Deutschland oder ganz Westeuropa hätte ich das nie gemacht, mit jemanden der Alkohol trinkt in seine verrauchte Wohnung zu gehen, doch das alles finde ich doch zu interessant …

Wir drehen noch eine Runde durch das Getümmel, vor der Bühne, wo nur noch Konservenmusik gespielt wird, scheint die Stimmung inzwischen den Höhepunkt erreicht zu haben …

Da ich mein Auto an richtiger Stelle geparkt habe, erlauben wir uns noch den Spaß, um 1 Uhr nachts an der Tür des höchsten Staatsgefängnisses Weißrusslands ein Plakat vom Berliner Yoga-Festival anzukleben …

Seine Bude befindet sich im zweiten Stock eines nicht all zu weit vom Stadtzentrum entfernten, ziemlich heruntergekommen Wohnblocks, vergleichbar mit dem, was man in Indien als allerbilligste Quartiere angeboten bekommt. Als ich in seine Räumlichkeiten trete bin ich dann aber doch erstaunt. In Indien herrscht über Kahlheit, kaum Einrichtung, bei ihm ist die ganze Wohnung vollgestapelt mit Gerümpel, so dass gerade mal schmale Gänge bleiben von einer Ecke zur anderen zu gelangen, von seiner Fernsehanlage (mit 40 Zoll Flachbildfernseher LG) in die Küche, wo der Computer steht (leider hatte er gerade heute sein Datenvolumen ausgeschöpft, und ob das mit dem Sender wirklich stimmt, kann und will ich um diese Uhrzeit auch nicht überprüfen) zum Bett und zur Toilette. Nicht einmal für mich mit meinen bescheidenen Ansprüchen, wäre es hier möglich gewesen, neben dem Bett noch irgendwo anders ausgestreckt am Boden zu schlafen …
Kein Problem, er würde in die Wohnung seiner Mutter gehen, die vor ein paar Monaten gestoben sei und ich könnte in seinem Bett übernachten. Seine Mutter interessierte sich übrigens für östliche Religion und er glaube selbst auch, dass Jesus in Indien war und Wirklichkeit ein Yogi gewesen sei … Er praktizierte jedoch keinen Yoga, aber ich hab ihm gleich mal eine russische Ausgabe der „Autobiographie eines Yogi“ auf seine Speicherkarte gespielt …

In einer nikotingeschwängerten Wohnung in einem viel zu weichen Bett (wo wir aber noch ein etwas breiteres Brett einschieben) zu schlafen, ist zwar nicht das Wahre, einen Yogi haut aber bekanntlich nichts um und um 3 Uhr bin ich dann auch schon ausreichend müde …
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Auf nach Russland

Beitragvon kashiraja am Di 27.05.2014 12:09

Sonntag, 25.Mai.2014

Am nächsten Morgen um 9 nach der Meditation sehe ich mich noch etwas in den Räumlichkeiten um und warte draußen im Hof (und sehe wie hier ein neuer Audi Q7 und ein neuer Merzedes-SUV vorfährt) bis um 12. Wir hatten ausgemacht, dass ich fahren würde, würde er bis dahin nicht erscheinen.

Kleine Anmerkung noch am Rande, Nikolei, wie ich ihn nennen möchte, erzählte mir, dass ihm das (russische) Gas für den Gasherd pauschal 2 Euro pro Monat kosten würde, es gäbe keinen Zähler und so würde er im Winter einfach den Gasherd als Heizung nutzen, indem er die heiße Luft mit einem Ventilator in der ganzen Wohnung verteilte … isolierte Häuser, alternative Energien in Weißrussland Fehlanzeige (in Polen gab es zumindest viele Windkraftanlagen), in der Stadt gibt es Mülltrennung, auf dem Land wird der Müll einfach in Gräben und Gruben verschüttet, was aber recht kurzsichtig zu sein scheint, weil das Wasser ja aus den hauseigenen Brunnen gewonnen wird …

Ich fahre dann fälschlicherweise in Richtung Vitebsk aus der Stadt hinaus (die Straße hieß Maskaja Uliza, oder so ähnlich, und ich hatte angenommen, das sei sicher die Straße nach Moskau …) was sich aber als gar nicht so schlecht herausstellt. Erstens kann ich da noch für 100 km eine Anhalterin mitnehmen, eine betagte Ordensfrau, die zum Kirchenbesuch in Minsk war, Tochter eines österreichischen Soldaten, Mutter Weißrussin, selbst eine Tochter, Mann schon lange tot, mit der ich mich aber mangels Wortschatz nicht so ausführlich unterhalten kann, wie ich das gerne getan hätte. Auf jeden Fall erklärt sie mir, dass die Bilder in den Kirchen Ikonen seien und dass man deshalb mit ihnen einen körperliche Verbindung herstelle, weil sie besondere Kräfte hätten, viele der Ikonen könnten Tränen vergießen oder sogar Blut schwitzen … Immer wieder schärft sie mir ein, ich solle mich ja von den leichten Mädchen am Straßenrand fernhalten, da würden im Busch dahinter die Räuber lauern ... Leichte Mädchen sehe ich in ganz Weißrussland nicht …
Zweitens mache ich auf dem Weg von Lepel nach Orscha, mit einer Nebenstraße mit sehr wenig Verkehr und etwas holprigem Belag Bekanntschaft. Diese ist aber genauso kerzengerade durchs Land geschnitten, zu den Dörfern muss man immer abzweigen. Da mache ich noch zweimal Rast. Einmal in einem Dorf (hier gibt es ein paar Kinder, die in einem kleineren Fluss mit sehr dreckigem Wasser planschen) wo mich aber gerade, als ich auf dem Autodach liegend einnicke, zwei nicht ganz geheure Gestalten dazu nötigen wollen, ihnen für das Parken vor einem verlassenen Bauernhaus, das angeblich ihnen gehört, Dollari für eine Flasche (wohl Wodka)) zu geben. Ich sage, sie sollten Wasser trinken wie ich, das sei besser für die Gesundheit, gebe ein paar meiner Walnüsse heraus und fahre weiter zu einem See, wo das braune Wasser trotz der Hitze aber gar nicht zum Baden einlädt.
50 km vor Orscha nehme ich noch eine Anhalterin mit, die in einem der Dörfer ihre Eltern besucht hat. Sie erzählt mir, in dem Dorf lebten noch 20 alte Menschen, sie sei dort aufgewachsen, ein großes Dorf mit Tanzveranstaltungen, regem gesellschaftlichem Leben, heute verfällt alles, die jüngeren leben zur Miete in der Stadt … Das ohnehin nur ganz leicht besiedelte Land wird also noch mehr entsiedelt …

Als ich dann wieder auf die „Autobahn“ Minsk – Moskau komme zeigt ein Schild „Moskau 509 km“, gerade so viel wie von meinem Zuhause nach Berlin.

Ich hab mich nun schon auf drei Stunden Wartezeit an der Grenze zu Russland eingerichtet. Kurz vor der Grenze bietet eine russische Matrone die Autoversicherung an, die ich brauche, 41 Euro, um einige teurer als vor 12 Jahren aber gut.

Zu meiner Überraschung gibt es dann aber von weißrussischer Seite keinerlei Kontrolle, d.h. ich hätte trotz meines Transitvisums für 3 Tage auch gut noch ein paar Tage länger in Weißrussland bleiben können. An der russischen Station stehen nur zwei Soldaten und winken die meisten Fahrzeuge durch. Ich werde zwar angehalten, doch nach kurzem Blick auf das Visum darf auch ich weiterfahren, das lässt sich schon mal gut an …

Es geht weiter mit weiten Flächen, kaum Besiedelung oder landwirtschaftlichem Anbau, viel Urwald, wie es scheint, und ich frage mich, was hat der deutsche Soldat da zu suchen gehabt, wie wird er sich hier vorgekommen sein? Außer auf den Hauptverkehrsstraßen ist es unwegsam und war das damals wohl noch viel unwegsamer als heute.

30 km vor Smolensk gibt es auch wieder Radioempfang. Russland fühlt sich erst mal gut an.

Ich nehme die Ausfahrt nach Smolensk und da werde ich gleich (das erste mal auf meiner Reise, obwohl in Polen und in Weißrussland die Straßen gespickt sind mit Polizisten, die mit ihren Geschwindigkeitsmessgeräten in der Ferne lauern. Meist wird man jedoch vom entgegenkommenden Verkehr rechtzeitig gewarnt) von einem Militionär angehalten, Papiere, ich fahre ohne Licht, 500 Rupel „Straf“, gut dass ich die Versicherung abgeschossen habe, alles wird kontrolliert. Nach einigem hin und her, und nachdem mir der junge Mann offenbart hat, er lerne im Abendkurs deutsch oder hätte das mal gelernt und nachdem er auch zwei drei
Wort hervorgekramt hat, lächelt er und erlässt mir die Strafe …

Smolensk, ich bin überrascht. Da geht es steil, wohl so 100 m hinunter in ein Tal und da auf der anderen Talseite erhebt sich die Altstadt mit mächtigen, zu 60% erhaltenen Stadtmauern und einer weit ins Tal scheinenden riesigen Kirche mit vermutlich Klosteranlage außen herum. Ich stelle gleich mein Auto ab und mache mich mit dem Rad auf Erkundungs- und Fototour. In den Reiseführen, die ich durchblättert hatte, hatte ich zu Smolensk nichts gefunden und mich schon gefragt, ob es sich lohne, hier überhaupt durchzufahren. Die Stadt ist aber doch schön, interessant, mit vielen herrschaftlichen und stattlichen Häusern, geschichtsträchtig (in Minsk war alles Prunk und Protz, womit sich Lukaschenko eine Krone aufsetzte, wie Nikolai sagte, und keinerlei spuren einer gewachsenen Stadt zu erkennen) und das Treiben, obwohl schon relativ spät, ist auf den öffentlichen Plätzen nicht so steril, wie in Minsk, da muss heute am Sonntag tagsüber ganz schön was los gewesen sein, Bühne und Hüpfburgen für Kinder werden gerade abgebaut … und es gibt kostenloses Wifi.

Ich finde dann noch in der Altstadt neben der Universität einen schattigen Platz für mein Auto und denke, hier könnte ich es länger als nur eine Nacht aushalten …


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Re: Pilgerreise nach Russland

Beitragvon parvati am Di 27.05.2014 19:28

hmm..schade ich hätte mich gerne mit dir ein wenig ausgetauscht

Meinst du dass Yogananda seine Geschichten erfand um sie als geschickte Mittel zu verwenden?
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Re: Pilgerreise nach Russland

Beitragvon parvati am Di 27.05.2014 19:57

hmmm..oh ein "Avatar" kann sehr hilfreich sein...zumal es ja zwischen Yogananda und co. eigentlich keinen Unterschied gibt

aber dein Glaube gefällt mir
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Smolensk, 26. May

Beitragvon kashiraja am Do 29.05.2014 12:40

26. Mai
Heute steht vor allem die Beschaffung einer russischen Sim-Karte auf dem Programm. Zuerst geh ich aber mal in ein „Kafe“, das so etwas ist, wie ein Schnellrestaurant. Die Auswahl an vegetarischen Gerichten ist nicht groß und die Käsepfannkuchen regen gerade mal meinen Hunger an… Ein Handygeschäft findet sich im Einkaufszentrum daneben. Das Angebot hört sich ganz gut an, 6 GB für einen Monat für 6-7 Euro. Später entpuppt sich das als ziemlicher Reinfall. Die Geschwindigkeit ist höchstens die, die man hat, wenn man in Deutschland das High-Speed Daténvolumen ausgeschöpft hat. Aufwändigere Internetseiten wie dieses Forum oder YouTube-Videos, werden nicht angezeigt.

Wie soll man da überhaupt 6 GB im Monat abrufen. Ich verbringe lange Zeit im Auto, auch weil es um 2 Uhr Nachmittag zu regnen beginnt. Neben meinem Auto basteln ein paar Russen und eine Frau den halben Tag an ihrem Auto herum (das scheint aber im heutigen Russland eine große Ausnahme zu sein) und leihen sich von mir zeitweise meine Autobatterie.

Am Abend bekomme ich da noch zwei weiter Besuche. Das erste Mal muss ich das Fenster herunterkurbeln, weil die Polizisten, die um das Gelände der Universität patroulieren und darauf achten, dass in einem gewissen Umkreis nicht geraucht und kein Alkohol getrunken wird, meinen Ausweis sehen. Als ich ihnen sage, dass ich nächsten Tag weiterfahre und auf eine „Yoga-Versammlung“ gehe, verlieren sie gleich das Interesse an mir. Das Fenster lasse ich nun offen, damit ich etwas mithören kann, was draußen gesprochen wird. Nach einiger Zeit torkelt ein ziemlich Betrunkener junger Mann (Wodka), der mich am Computer arbeiten sieht, bis zu meinem Fenster, findet dort gut Halt und da ich nicht unfreundlich bin und nicht weiß, wie ich ihn abwimmeln kann, bleibt er und es kommt noch ein Nüchterner, Igor, dazu, der im Verlauf des Gesprächs auch Interesse am Yoga zeigt. Ich sende dann an seine E-Mail-Adresse die „Autobiographie eines Yogi“ (und er bedankt sich ein paar Tage später, er fände das sehr interessant).
Am Ende bleibt mir, um die beiden von meinem Auto abzulenken, nur, dass wir zusammen gehen „die Polizisten anschauen“, um dann in die Wohnung des Betrunkenen zu gehen, wo ich hätte schlafen sollen. Weil sich aber noch einige andere Männer und Frauen dazugesellen, geht die Truppe nach Mitternacht noch in eine Kneipe, wo es mir dann bald gelingt, unter dem Vorwand, ich sei müde, das Weite zu suchen.

Was ich gut finde: In der Kneipe wurde nicht geraucht, zum Rauchen gingen alle hinaus und sonst gewinne ich den Eindruck immer mehr, dass die Russen eigentlich recht lockere und gar keine spießigen Typen sind.
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Moskau 27. Mai

Beitragvon kashiraja am Do 29.05.2014 17:29

Am nächsten Morgen besuche ich dann endlich die große prächtige Kirche, meditiere darin und nutze noch etwas das freie Internet. Als ich um 3 losfahren will, springt das Auto nicht an, weil die Batterie leer ist. Bereitwillig helfen zwei junge Studenten und holen dazu sogar ihren Geländewagen aus einiger Entfernung.

Auf dem Weg nach Moskau habe ich doch ein wenig ein mulmiges Gefühl. In Smolensk war alles so nah und fast familiär, was würde mich da in Moskau wohl erwarten ...

Auf dieser Schnellstraße nach Moskau sieht man sehr oft Gedenkstätten am Wegesrand, wo an Verteidigungslinien von 1941 des siegreichen oder heldenhaften Kampfes der Russen gegen die deutschen Faschisten gedacht wird. Deutsche spuren entdecke ich keine.

Einmal biege ich von Schnellstraße auf einen Feldweg ab, um auch sauber gewaschen in Moskau einzufahren. Der Weg endet bald in einer kilometerlangen und -breiten Wiese. In etwas Entfernung stehen einige Hütten und vom Autodach aus sehe ich in der Ferne drei große Vieherden in drei verschiedenen Richtungen. Nach der Dusche gehe ich noch zu den Hütten, einem einfachen kleinen Holz-Verschlag zum Schlafen und Pferche für Jungtiere. Der Hirte erzählt mir, dass er hier 300 Kühe betreut. Er verlegt wohl die Weideflächen ständig.

40 km vor Moskau sehe ich die erste russische Autobahnbrücke. Der Verkehr wird dichter und dann beginnt die Einfahrt in diese gigantische Stadt, die mich schon etwas sprachlos macht. Es sind noch viele Bautätigkeiten im Gange, doch die Stadt ist nicht mehr wieder zu erkennen. Seitdem ich vor 25 dort war, hat sich sehr vieles verändert. Vor allem die Geschäfte und Gebäude im Umkreis von 2-3 km vom Kremel erstrahlen in Top-Modernität, Prunk und Pracht.

Als ich endlich im Zentrum bin (etwas 1 km nördlich des Arbat), das aber wegen seiner Größe gar nicht genau definierbar ist, stelle ich das Auto, weil sonst alles belegt ist, dort ab, wo am Straßenrand schon welche stehen, obwohl man da wohl nicht parken darf. Darum wird sich heute jedoch niemand mehr kümmern.
Ich packe das Fahrrad aus und setze mir als erstes Ziel den Roten Platz. Gleichzeitig halte ich Ausschau nach einem geeigneten Stellplatz für die Nacht, d.h. einem Stellplatz, wo der Straßenlärm erträglich ist, mich die Leute nicht stören und auch ich relativ unauffällig bin. Den Roten Platz finde ich auch bald, da hat sich nicht viel verändert, einen Blick ins GUM, in dem ich noch nie war (hat ein bisschen Ähnlichkeit mit dem „Kaufhaus des Westens“ oder einer Mall im Retrostil). Beim Umrunden des Kremel sehe ich diese neue große Kirche, die vor 25 Jahren noch nicht stand. Sie ist mindestens so groß wie die in Smolensk. Doch während in Smolensk die Kirche das Stadtbild prägt, erscheint diese hier bei all den anderen beeindruckenden und oft viel größeren Gebäuden relativ zweitrangig. Einen sehr spirituellen Eindruck macht die Stadt auch nicht. Es sieht eher nach viel Kommerz aus …

Als Orientierungsübung danach zurück zum Auto, dann zum Arbat und wieder Auto. Inzwischen ist es schon nach Mitternacht und mir ist klar, dass ich diese Stadt erstens ziemlich unterschätzt hatte. In Größe, Ausdehnung, Bebauung, Schönheit ist sie mindestens vergleichbar mit Paris oder London oder übertrifft diese sogar. Wir in Deutschland haben nichts Vergleichbares. Dem entspricht auch das Verkehrsaufkommen (in Minsk gab es sehr viel weniger Autos und deshalb auch keinerlei Parkplatzproblem und ähnliches hatte ich eigentlich auch hier in Moskau erwartet) und folglich ist auch das Regime der Parkplätze ausgeklügelt. Bei allen ausgewiesenen Parkplätzen in der Innenstadt muss man zahlen (ganz modern: an der Parkuhr, mit Smartphone oder SMS). Eine Stunde Parken kostet 1,50 € und die Strafe liegt bei 50 Euro. Viele Parkflächen, die mir am ehesten zusagen, sind durch Schranken nicht zugänglich.

Ich muss mich auf jeden Fall noch weiter aus der Stadt heraus auf die Suche machen und finde denn Gott sei Dank nach eineinhalb Stunden etwas, was mir als geeignet erscheint und gar nicht so weit entfernt liegt, eine Einfahrt zu einer mit einem Tor abgeriegelten Wohnanlage, wo neben meinem Auto keine Fußgänger vorbeigehen. Da stehen schon zwei Autos und ich stell mich unmittelbar vor das Tor an den Straßenrand. Über der Hutablage bringe ich den Sonnenschutz an, obwohl ich mit der Seite nach Norden stehe …

Mittlerweile habe mich definitiv entschlossen, sobald als möglich eine Werkstatt anzusteuern. Die Bremsen machen bei jeder kleinen Inanspruchnahme ein lautes Raspelgeräusch. Das hat in Smolensk leise angefangen und ist inzwischen erschreckend laut …
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28. Mai - Göttliche Fügung?

Beitragvon kashiraja am Mo 02.06.2014 18:52

Am nächsten Morgen, nach einer ruhigen Nacht und einem ganz guten Schlaf, hält es mich nicht so lange in der Meditation. Irgendetwas beunruhigt mich. Ich beginne mit meinem Russischpensum und genieße wie jeden Tag im Auto nebenbei den Panorama Blick nach allen Seiten, ich kann beobachten, was um mich herum geschieht, draußen bemerkt kaum jemand, dass da jemand im Auto ist (da die Scheiben wohl etwas spiegeln und ich mich möglichst unauffällig verhalte). Es verlassen da gut gekleidete (und gut genährte) Menschen jeden Alters durch eine Tür auf der gegenüberliegenden Straßenseite das Anwesen und noble Autos fahren aus und ein, dazu öffnet sich das Tor automatisch. Mich beachtet niemand. Hab ich also den idealen Parkplatz für die nächsten Tage oder vielleicht noch länger gefunden?
Nach einer Weile mache ich auch noch Strukturen aus. Da gibt es einen stattlichen Herren, der so was Ähnliches wie eine Uniform zu tragen scheint und offensichtlich die Funktion eines Verwalters, Sicherheitsbeamten etc. ausübt. Der scheint mich auch nicht zu beachten. Nach einiger Zeit sehe ich jedoch, dass er sich ziemlich in der Nähe hinter mir postiert hat, und ich richte den Sonnenschutz so zurecht, dass er mich nicht mehr sieht …

Was hat denn der da ständig zu suchen … er steht immer noch da? Mit dem ersten Russischpensum wäre ich soweit fertig und würde nun eigentlich gern in die Stadt fahren, möchte aber einen Moment abpassen, wo der Herr anderweitig beschäftigt ist und ihm mein Handeln nicht so auffällt. Der bleibt aber beharrlich in meiner Nähe – Also richte ich nach einer Weile im Auto alles zurecht, damit ich den Ort zumindest relativ zügig verlassen kann. Dann fass ich mir ein Herz, steige aus (und bemerke, dass da auf der anderen Seite noch ein zweiter ähnlich gekleideter Mann steht, der ob meines Aussteigens etwas überrascht herschaut), Schuhe an, Fahrrad heraus, den Verhau etwas abdecken, alle Türen kontrollieren und ab …

Irgendwie etwas peinlich das alles und ich überlege mir, was die Herren jetzt machen werden. Die sind offensichtlich hier für das Sicherheitswohlbefinden der Bewohner verantwortlich und ihr Job ist wohl, alles, was stört zu beseitigen. D.h. entweder sind das etwas coole Typen und tun erst mal nichts, weil sich noch niemand beschwert hat. Oder sie nehmen ihren Job ernst und rufen gleich mal die Polizei, damit ich einen „Sonderstrafzettel“ und die Aufforderung, mich vom Acker zu machen, bekomme. Sobald ich zurückkomme, werde ich sehen, um welche Art von Menschen es sich handelt.

Auf jeden Fall werde ich hier, falls sie großzügig sein sollten, ihre Großzügigkeit nicht ewig ausnutzen können und auf keinen Fall kann ich da, obwohl es nun inzwischen ziemlich kalt geworden ist, im Auto viel arbeiten oder es als Basis für meine Aktivitäten und für die Mahlzeiten nutzen …

Mit dem Fahrrad ziehe ich einen Kreis zuerst nach Norden dann zurück Richtung Kreml und suche eigentlich einen Buchladen, um einen russischen Reiseführer zu kaufen, oder eine Bibliothek. Zuerst treffe ich auf einen ziemlich großen Buchladen und schau das gesamte Sortiment durch. Ich bemerke bald, dass die verlegerische Tätigkeit im Land sehr vielfältig ist, was mich erfreut ….

Weil es draußen sehr ungemütlich ist, ziehe ich in dieser Art weiter und bin nachmittags um 4 in der Bibliothek der Baumannskaja Uliza als mich aus heiterem Himmel eine ältere Frau anspricht, ein bisschen erzählt … wir sprechen über Musik und sie fragt dann auch, wo ich wohne. Schnell bietet sie mir an, bei ihr zu übernachten und ich verstehe nur, sie hätte ein paar freie Zimmer in ihrer Wohnung und in einem könne ich wohnen.

Obwohl ich mich nicht bewusst auf die Suche gemacht hatte, war das genau das, was ich brauchte und ging schnell auf das Angebot ein. Als Sicherheit verlangt sie dann doch die Kopie meines Ausweises und 5000 Rubel Geldleistung, die ich aber zurückbekommen würde ...

Ich bin in allem sehr kooperativ und wir fahren zuerst mit der U-Bahn zu meinem Auto und dann zu ihr, 13 km aus der Stadt heraus nach Süden in ein Wohngebiet an der Moskwa, Kolomenskaja. Dort wird mir dann schön langsam klar, dass Raisa zur Aufbesserung ihrer Rente, ihre kleine Wohnung gewerbsmäßig recht intensiv als Pension betreibt. In der kleinen Küche steht eine Couch, in dem Emil (ein Turkmene) schläft und im Wohnzimmer stehen neben einem Klavier 6 weitere Betten, in einem davon schläft die Hausherrin selbst und ich kann mir eins der anderen aussuchen, weil zur Zeit neben Emil kein anderer Gast da ist …
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