Pilgerreise nach Indien

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Pilgerreise nach Indien

Beitragvon kashiraja am Mo 29.10.2012 15:47

In korrigierter und stark erweiterter Form ist diese Reisebeschreibung inzwischen als eBook erschienen: "Pilgerreise durch Indien" auf allen eBook-Plattformen erhältlich und besonders hier: http://www.fyue.de/shop

Die Vorbereitungen sind so gut wie abgeschlossen. Das einzige, was wirklich noch fehlt ist - das Visum...

Abflug 20. November von München mit der Turkish Airlines nach Mumbai. Rückflug am 16. Mai 2013 von Mumbai nach München.

Geplant ist nach der Ankunft in Mumbai gemächliches Weiterreisen nach Puri über Pune und Hyderabad in ungefähr 10 Tagen. Einige Tage Aufenthalt in Puri, dann weiter nach Kolkatta wo ich im YSS-Ashram Dakshineswar vom 7. - 15. Dezember einen Aufenthalt gebucht habe. Danach Weiterreise nach Ranchi auch dort ist die Bleibe im Ashram vom 17. bis 23. Dezember gebucht.

Von Ranchi weiter nach Bodh Gaya um am 30. Dezember in meinem Quartier im Old Yogi Lodge, Varanasi, abzusteigen. Dort Aufenthalt bis 30. Januar. Dann weiter nach Alllahabad auf das Kumbha Mela. Zeltplatz dort im Bereich "Festival of Enlightened Living" vom 1. bis 20. Februar gebucht.

Soweit habe ich fest geplant. Weitere Ziele sind: Besuch im Dwarahat-Ashram, Haridwar (vielleicht Ashram von Mataji, die ich vom Yoga-Festival in Berlin her kenne), Rishikesh (Sivanada-Ashram), Badrinath, vielleicht Ganges Quelle, Shimla, 10 Tage Vipassana in Dharamsala, vielleicht Srinagar, vielleicht Amritsar, Delhi, Ananda Ashram bei Delhi, YSS-Ashram bei Delhi, Mumbai

Ziel ist: viel Meditation, viel lesen (hab gestern meinen Kindle mit den Yoga-Niketan-Büchern - mit calibre in mobi files umgewandelt - vollgepackt) und viel beobachten.

Nachdem ich über 30 Jahre auf diese Reise warte, fühle ich, dass es jetzt wirklich an der Zeit ist und es trägt mich auch irgendetwas dahin.

An dieser Stelle will ich mein Reisetagebuch veröffentlichen. Die Pilgerreise ist ja auch vor allem meinem Guru Paramahansa Yogananda gewidment, von dem viele behaupten, er sei der Avatar des neuen Zeitalters (Dvapara Yuga), was meines Erachtens auch gut sein kann.
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20.11.12

Beitragvon kashiraja am Sa 24.11.2012 14:11

Dienstag 20.11.2012
Flughafen München Gate H30, 14:00, Abflug 14:35. Das erste Mal seit über 23 Jahren wieder fliegen. Die Abläufe musste ich erst wieder kennen lernen. Hat sich doch einiges verändert seit damals. Drei Mal in den USA. Damals war die USA das Land des Lichts für mich. Dort tut sich auch immer noch sehr viel. Doch Indien zeigt doch immer mehr seine Klasse. Die vielen Weisen, die dort die Spiritualität vorantreiben. Spirituelle Koriphäen, die oft weltweit wirken, die noch bestehende materielle Überlegenheit des Westens zweifellos auch oft zu nutzen suchen.

Das Vorgefühl war wie die Erfüllung einer lang gehegten Sehnsucht – endlich mal nach Hause. Raus aus diesem fremden Land, in dem ich lang genug brauchte, mich recht und schlecht zu arrangieren. Jetzt endlich ist es an der Zeit, da alles passt. Schon mehrmals hatte ich Anlauf genommen, mich vorbereitet auf eine Reise, die ich immer wieder verschob. Jetzt ist die Zeit reif, ich fühle vollkommene innere Stimmigkeit.

Inzwischen sitze ich im Flugzeug nach Istanbul. Mindestens ein Viertel der Sitzplätze ist leer.

Bei der Vorbereitung war vor allem zeitaufwendig, die wirklich notwendigen Gegenstände in kompakter und leichter Form zu beschaffen und meinen Computer so einzurichten, dass ich alles dabei habe was ich brauchen könnte, sollte ich mal wirklich in einen Arbeitsfluss kommen. Govindas Ratschlag eingedenk, leicht zu reisen, ist mein Rucksack halb leer. 3,6 Kg wiegt mein Computerrucksack mit meiner gesamten Technikausrüstung. Der bepackte 65 l –Rucksack wiegt nicht einmal 12 kg, davon der Rucksack selbst bereits 2,7 kg.

Ich seh aber schon, So viel zum Lesen und Arbeiten werd ich wohl ncht kommen. Überall gibt es viel zu sehn. Die beste Arbeitsumgebung bleibt halt doch das traute Heim, wo alles so vertraut ist, dass man Neues nur in der eigenen Arbeit und im geistig Genossenem findet. Dieser Vorteil wurde durch die trübe Winterzeit sogar noch potenziert – das fällt heuer flach.

Nach dem Schönen Blick auf die Alpen gabs beim Anflug auf Istanbul schon bei Dunkelheit über das endlose Wirrwar von Häuserblöcken und Straßen. Da wurde mir deutlich bewusst, wie unzählig die Menschen auf Erden sind. Beim Flug über einen Scheichstaat fiel auf, dass alles Straßen, bis zum letzten Einsiedler beleuchtet waren, Das Ganze ergab schön anzuschauende Lichterketten, der Sinn ist jedoch zweifelhaft…
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Mittwoch, 21.11.12

Beitragvon kashiraja am Sa 24.11.2012 14:21

Mittwoch, 21. November 2012
5 Uhr morgens in Mumbai angekommen. Massen von Menschen wollen ins Land, offensichtlich sind mehrerer Flugzeuge gleichzeitig gelandet. Hab mich, da die Zugkarte nach Pune schon gebucht ist, auf dieses Transportmittel eingeschworen, obwohl Bus und andere Angebote im Moment am bequemsten (aber auch teuerer) wären. Aber erst mal zu dem Bahnhof hinkommen, von dem aus ich gebucht habe (Kalyan Junction) und wie den Zug und den Sitzplatz finden, den ich reserviert hab.
Mit Unterstützung jeder Zeit hilfsbereiter Einheimischer gelang es mir zumindest noch einen Zug zu finden, der die von mir gebuchte Strecke fährt. So sitze ich jetzt in Mitten eines bunten Volks beobachte die Landschaft und schreibe. Der Acer one macht sich gut. Nachdem ich im Flugzeug gestern bereits etwas gearbeitet habe, zeigt er an, dass er immer noch Saft für drei Stunden hat.

So lang es hell war, hab ich mich wach gehalten und nur mal etwas auf einer Bank geschlafen. Als die Dunkelheit hereinbrach, ging ich ins Zimmer zurück und wollte dort eigentlich noch etwas Hindi lernen, doch die Steckdosen, die ich beim Bezug des Zimmers noch geprüft hatten, gaben keinen Strom.. Also hab gleich etwas meditiert und schlief bald ein. Um 20 Uhr Ortszeit, Aufwachen Meditation, erneutes Einschlafen. Jetzt ist es halb eins und ich bin hell wach. Also schreib ich noch was von den Eindrücken des Tages nieder, auch wenn noch immer kein Strom da ist.

Für 400 Rupien hab ich ein schlichtes Zimmer mit Gemeinschaftsklo und Dusche bekommen. Das ist mir im Grunde aber noch zu teuer, werd in Zukunft bei 200 bis 300 Rupien limitieren. Bleibe bis Sonntag den 25.11. in Pune. Hab da auch schon ne Fahrkarte nach Solapur. Mit dem Sitzplatz steh ich jedoch noch auf einer Warteliste. Das ist jedoch bisher immer noch irrelevant, weil ich gar nicht wüsste in welchem Zug ich steigen müsste und wo der Sitzplatz zu suchen wäre. In der Buchungsbestätigung steht nicht, wann der Zug planmäßig abfährt. Doch das bekomm ich vielleicht die nächsten Tage noch heraus.

Die Bahnhöfe machen alle den Eindruck eines Provisoriums. Ein deutliches Zeichen für die Unterentwicklung ist, dass es sogar in Pune am Hauptbahnhof, bei uns eine 1a Lage, auf einer Seit gleich in schäbige Wohngebiete übergehen, die bald slumartigen Charakter annehmen. Auf der anderen Seite stehen einige Straßenhändler neben Müllhaufen und dann geht’s mal in ne Unterführung mit Ramschläden, die dann noch übergehen in kleinere Straßengeschäfte… Dreck und Müll überall. Auch am Flussufer. Das macht mir aber nichts. (Jetzt plötzlich um 0:42 Uhr ist wieder Strom da)
Da ist also noch viel aufzuholen. Zurzeit wird ja immer noch der Benzinpreis subventioniert. Geld, das bei uns verwendet wird, die Infrastruktur auszubauen. Arbeit gäb es hier genug. Doch wer organisiert und bezahlt die Leute, Stattdessen verschwenden viele mit Kleinkrämerei und Bettelei ihre Zeit. Staatsverwaltung und Steuerwesen sind halt doch eine hohe Kunst, die sich nur langsam entwickelt.
Den Eindruck von Provisorium erwecken jedoch nicht nur die Bahnhöfe. Alles hat so den Charakter als sei nach einer furchtbaren Kriegszerstörung alles schnell und behelfsmäßig aufgebaut, um das notwendigste Funktionieren oder bei Hütten den notwendigsten Schutz zu gewähren Das ist aber ein Charakterzug, den ich bei mir auch nimmer feststelle, dass ich bei meiner Zimmereinrichtung keinen höheren Ansprüchen genügen möchte, funktionell und praktisch reicht vollkommen aus….

Den ganzen Tag war ich mitten unter den Einheimischen. Da fühl ich mich wohl. Obwohl mein Zimmer offensichtlich in der Nähe vom Osho-Ashram liegt und ich dementsprechend auch Westeuropäer zu Gesicht bekomme, verspüre ich keinerlei Neigung, mit irgendjemanden von diesen Kontakt aufzunehmen.
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Do, 22. November 2012

Beitragvon kashiraja am Sa 24.11.2012 14:33

Zum Lesen nach der Meditation war ich auf dem Balkondach über meinem Zimmer und genoss die Aussicht. Als ich zurückkam war die Außentür zu dem Wohnbereich mit zwei Zimmern Bad und Klo verschlossen und ich hatte den Schlüssel nicht, da ich mein Zimmer mit einem privaten Vorhängeschloss sichere. Lautes Klopfen, rief nicht meinen Etagengenossen, der offensichtlich in die Stadt gegangen war, sondern führte nur zu wütenden Kommentaren der Bewohner unterhalb. Die herbeigerufene Vermieterin hatte auch keinen Schlüssel. Da ich meinen kleinen Computerrucksack dabei hatte, machte ich mich gleich zu Osho’s Ashram auf. Sehr schöne Anlage, mir aber zu schön. Passt nicht in diese Welt. An der Rezeption wurde mir erklärt, dass man eine Registrierung für rund 15 Euro (HIV-Test inklusive), eine Tageskarte für den gleichen Preis und zusätzlich noch ein marone-farbenes (wie sie es nannte, zwischen Weinrot und Violett) Gewand für Tagsüber sowie ein weißes für die Abendveranstaltung bräuchte, Zimmer im Ashram rund 100 €. Da ich davon ausging, mein Pass wäre im Zimmer eingeschlossen, gab es für mich sowieso keinen Einlass. Doch stand mein Entschluss bald fest, dass mir das alles viel zu sauber war, von den Preisen ganz zu schweigen. Auf dem Weg schlendernd sprach mich ein Rickschafahrer an, den ich gleich nach einem Fahrradverleih fragte und er bot sich an, mich kostenlos zu einem zu bringen, gleich in der Nähe. Da schlug ich ein und stand eine halbe Stunde später mit einem fahrtüchtigen Gefährt (500 Rupien für 3 Tage) da. Rasieren, Haarschneiden inclusive Kopfmassage für 100 R und auf gings zu einem Tempelziel auf einem Berg, das ich Tags zuvor auf einem Berg auf der anderen Seite des Flusses ausgemacht hatte. Dort erst mal beobachten und im Kindle lesend wurde ich bald wieder angesprochen und erfuhr, dass gleich in angrenzenden Räumlichkeiten eine Hochzeit stattfinden sollte und dass ich da auch teilnehmen könne. Da beobachtete ich auch nur zunächst und wurde wieder von jemandem angesprochen, der sich dann die ganze Zeremonie und auch beim Hochzeitsmahl, bei dem ich ein köstliches Gericht vor mir hatte (und mir dann doch dachte, da fehle doch noch was …) zu mir gesellte. Ich bot mich auch an, ein Geschenk zu geben, das wurde jedoch verneint. Nachher führten sie mich jedoch noch auf die Seite und sagten, für den Sohn eines Freundes, mit dem ich auch etwas ins Gespräch kam, seien 100 und das Hochzeitspaar 600 Rupien üblich …

Ich fuhr weiter ins Unbekannte Richtung Westen auf der gleichen Flussseite und stieß bald auf eine Tempelanlage mit Pilgerfacilitäten. Es stellt sich bald heraus, dass das hier ein moslemisches Heiligtum ist, also Fußwaschung und die gekauften Opferstücke dargebracht. Als ich auf dem Gelände mein Netbook zücke, bin ich bald wieder umschart von Kindern…Das gleiche geschieht wiederholt, als ich auf meiner Tour immer wieder mal einen Abstecher in Wohngebiete mit schlichten Behausungen mache. Ein jedes dieser Hüttenanlagen hat einem eigenen Charakter (ein Zeltlager ist wohl die niedrigste Stufe, dort find ich auch den Einrichtungsstil wieder, der meine natürliche Gabe ist, auf möglichst wenig Platz möglichst viel unterzubringen.

Auf dem Rückweg zu meiner Wohnung übertönt plötzlich lautes Vogelgezwitscher den Straßenlärm, der Park, dessen Namen schon öfter genannt wurde, wenn ich die Lage meiner Wohnung beschrieb? Nah am Wasser und Dämmrung = Mosquitos, also lieber schnell weg hier. Die letzen paar Hundert Meter zu meiner Wohnung wehte mir noch intensiver Rauchgeruch in die Nase. Zuhause stellte ich fest, dass der andere Bewohner noch nicht da ist, ich bin also weiter ausgeschlossen. Oben von der Terrasse erkenne ich dann den Grund für den Rauch, von dem ich zuerst dachte, es würden Abfall verbrannt. Unten standen um eine Aufbahrungsstelle mehrere Menschen….

Vor dem Internetshop sprach mich noch eine ältere Inderin an, die mich bat, eine Restzeit von mir noch nutzen zu dürfen, weil sie Probleme hätte, sich auszuweisen. Danach kamen wir noch ins Gespräch und sie erzählte mir, dass sie, noch zu Lebzeiten Oshos als Teenagerin in den Ashram eingetreten war, sie hätte dann mal einen Franzosen geheiratet. Jetzt sei ihr der Ashram zu teuer und sie hätte gesundheitliche Probleme. Ich empfehle ihr, sie solle auf jeden Fall Yoga machen….
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Freitag, 23. 11.2012

Beitragvon kashiraja am Sa 24.11.2012 14:43

Nachdem ich am Mittwochabend im Travel-wiki von fortschrittlichen Stadtteilen gelesen habe, entschloss ich mich, mich heute mal auf die Suche nach diesen zu machen. Und gibt sie wirklich, schöne Wohnanlagen und Hochglanzbürogebäude. Allerdings liegt da alles dicht an dicht. Gleich nebenan findet man wieder Behelfsbehausungen. Die Innenstadtentwicklung kommt sicher nur von Stadtteil zu Stadtteil voran.
Auch in einer hochmodernen aber ziemlich menschenleeren (dafür umso mehr Security-Personal) Shopping Mall sehe ich mich mal um und bin überrascht von den horrenden Preisen. Will man gepflegt einkaufen, berappt man mindestens so viel wie in Deutschland, teilweise sogar mehr. Auch hier zahl ich mal wieder Lehrgeld, wie schon mehrmals in den vergangenen Tagen. Nach einem guten Mittagsmahl an einem Straßenstand für 50 Rupien hatte ich mir noch ein Eis für 10 Rupien gegönnt, das gar nicht so schlecht schmeckte (alle guten Ratschläge, man solle was Essen und Wasser angeht äußerste Vorsicht walten lassen, schlage ich immer mehr in den Wind…). In der Mall gibt es einen Eisverkäufer mit italienischem Eis, sieht gut aus und ich frage nach dem Preis, jede Sorte hat einen anderen Preis, weicht man aus und mir werden gleich Löffel mit Kostproben gereicht, schmeckt ganz gut, also ordere ich halt mal 4 Kugeln, so viel kann’s ja nicht kosten. Großzügig zück ich schließlich einen 100 Rupien-Schein, während der Verkäufer aus einer handgeschriebenen Liste die Preise zusammensucht. Dann muss er mir den Preis mehrmals erklären: 336 Rupien! wer soll sich denn das dort leisten können… ich schien auch der erste Kunde heute zu sein…in Deutschland hätte ich mir das nicht bieten lassen, doch hier will ich mal kein Spielverderber sein. (erst am nächsten Tag schaue ich mir den Kassenzettel genau an, da ist jede Kugel mit 75 Rupien aufgeführt, drauf kommt noch die Steuer).
Der Kindle-Reader und der Acer-One bewähren sich gut und ich packe sie oft aus um zu beobachten und gleichzeitig ein bisschen zu lesen und zu arbeiten. Der einzige Nachteil ist, dass man damit überall auffällt und sofort Fragen beantworten muss, was das ist.

Ich treffe die betagte Inderin wieder. Sie war vor rund einem Monat auf der Straße bewusstlos umgefallen und Kinder hätten ihr eine Tasche mit Handy, Ausweis und andere wichtige Gegenstände geraubt. Um die Krankenhauskosten bezahlen zu können, musste sie eine Hypothek auf ihr Gold aufnehmen…. Sie hat in Frankreich mal als Art-Model gearbeitet… Sie träumt offensichtlich immer noch den Zeiten nach, da sie mit ihrer inzwischen verblühten Schönheit leicht ihren Lebensunterhalt bestreiten konnte. Sie ist eine emanzipierte Inderin, hat viel vom Gedankengut Oshos übernommen, das auf jeden Fall, doch irgendwie scheint sie nicht mehr weiter zu kommen im Leben, kurz ein Fall für die Osho-Charity-Organisation, wenn es diese gäbe…
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Samstag, 24.11.12

Beitragvon kashiraja am Sa 24.11.2012 14:59


Inzwischen macht sich ziemliche Ernüchterung breit. Bisher hab ich außer der verblüffenden Fähigkeit der meisten Bewohner dieses Landes, aus dem Nichts ein kindlich herzliches Lächeln hervorzuzaubern, noch nicht viel gesehen, was irgendwie nachstrebsnswert erscheint (auch was ich an religiösen Sitten beobachte…). In gewissem Sinne hab ich in diesen drei Tagen von Indien bereits genug gesehen … doch wahrscheinlich ist es nur Zeit, weiter zu reisen…
Deshalb ist heute vor allem der Bahnhof mein Ziel, um die Weiterfahrt Morgen zu sichern. Auf dem Weg zum Bahnhof sehe ich die erst Fußgängerampel; hatte schon gedacht, das ganze Ampelsystem Punes hätte die Fußgänger vernachlässigt.

Am Bahnhof finde ich nach längerem Suchen endlich jemanden, der mir weiterhilft und erklärt, dass ich auf der Warteliste sogar noch vom 86sten auf dem 92sten Platz abgerutscht sei (in den drei Wochen seit ich gebucht habe). Obwohl in den Hinweisen zur Buchung ausdrücklich steht, dass ich in diesem Fall nicht in den Zug einsteigen dürfe, sagt er mir, das hätte nichts zu bedeuten, ich solle nur einsteigen und falls notwenig beim Kontrolleur eine Strafe zahlen, das sei schließlich Indien (bisher wurde mein Fahrschein übrigens noch nie kontrolliert…)

Den ganzen Tag halte ich mich im Bahnhofsbereich auf, wo ich für 20 Rupien in einer mega-schlichten Bude ein vergleichbares Mittagessen wie gestern für 20 Rupien bekomme, in einem anderen Lokal Jaj für 8 Rupien und schließlich noch eine Times of India für 5 Rupien. Man kann hier also schon günstig leben, wenn man weiß, wo man einkaufen muss. Die letzten Tage hab ich definitiv zu viel ausgegeben, wenn ich mit meinem geplanten Budget auskommen will.
Inzwischen hat mein Immunsystem hoffentlich auch den Großteil des Indian-Bacill-and-Bakteria-Crashkurses erfolgreich abgeschlossen. Ich gönne meinem Magen auch immer wieder Pausen, damit er sich erholen kann.

Von den typischen touristischen Sehenswürdigkeiten hier hab ich kaum was gesehen, doch darauf bin ich gar nicht scharf. Morgen 11:55 Uhr geht der Zug und das werd ich ganz gemütlich angehen.

Alle Fragen nach indischer Sim-Karte und indischem mobilem Internet wurden bisher abgewiesen.
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Bilder zur Pilgerreise

Beitragvon kashiraja am Sa 24.11.2012 15:09

In korrigierter und stark erweiterter Form ist diese Reisebeschreibung inzwischen als eBook erschienen: "Pilgerreise durch Indien" auf allen eBook-Plattformen erhältlich und besonders hier: http://www.fyue.de/shop

Bilder zur Reise findet man uebrigens auf meiner Facebook-Seite.

http://www.facebook.com/media/set/?set= ... 251&type=1
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Sonntag, 25.11.2012

Beitragvon kashiraja am Fr 30.11.2012 15:11


Es ist doch gut, sich mal mit Westeuropäern auszutauschen. Im Internet-Cafe saß ich neben einer Deutschen, die mit einem Inder verheiratet ist und in Pune lebt. Sie sagt mir, wo ich hingehen muss, um diese Simkarte zu erhalten. Mittwoch wird mein Zugang freigeschaltet, dann kosten Inlandsgepräche nur noch 1 Rupie pro Minute und Telefongespräche nach Deutschland 10 Rupien statt mit Roaming rund 2,50 Euro. 250 Rupien pro 1 GB Datenvolumen/Monat statt 4,49 €/MB mit Roaming.

Das war ja eigentlich zu erwarten. In den Zug, der mit 25 Minuten Verspätung eintrifft, drängten sich so viele Menschen, wie nur konnten. Die indischen Waggons sind etwas breiter und höher als die europäischen, doch wo bei 6 sitzen, drängen sich in diesen Zügen bis zu 24. Entsprechend eng wurde es auch für mich, weil ich mit meinen Rucksäcken übermäßig Platz wegnahm. Ich wollte zwar bei den Türen bleiben, weil ich sowieso keinen Sitzplatz erwartete. Von da wurde ich jedoch in den Gang verdrängt, konnte dann mit der Hilfe Umstehender meinen Rucksack nach oben verstauen und setzte mich schließlich auf den Boden, weil ich andernfalls gar nicht aus dem Fenster hätte schauen können und fühlte mich da ganz wohl. Nach kurzer Zeit bietet mir dann jemand seinen Sitz am Fenster an. Er ist so zuvorkommend und bleibt bis zum nächsten Halt stehen. So kann ich die ganz Fahrt die Landschaft genießen. Trotz der Überfüllung bewegt sich eine Musikgruppe (Harmonium, Trommel, Gesang) von Abteil zu Abteil und trägt Filmmusik vor. 16:30 Uhr in Solapur, dort Kauf einer Fahrkarte nach Hyderabad für 47 Rupien, Abfahrt 9 Uhr abends (über 300 km, das lässt nichts Gutes erwarten, doch das scheint die einzige Möglichkeit zu sein). Mit Rikscha zum Siddeshwar-Tempel, wo ich mit meinem Gepäck das Objekt der Aufmerksamkeit bin, Mein Anblick erheiterte offensichtlich und von mir werden Fotos gemacht. Möglicherweise ist ja das Om-Zeichen auf meinen Rucksäcken der Grund, doch ich werde überall anstandslos und freundlich in alle Bereiche gelassen und genieße sogar noch das Sonderrechte in den Altarinnenbereich gebeten zu werden (was natürlich mindestens 10 Rupien wert sein muss).

Den Rückweg vom Siddheshwar-Tempel gehe ich zu Fuß um gleich mal zu testen, wie sich das anfühlt, wenn ich mit meinem Gepäck auf eine Treckingtour gehe. Da müsste ich auf jeden fall leichter werden…. Ich komme auch an einem Shop vorbei, der offensichtlich Alkohol verkauft. Das wird als die höchste Form der Entspannung angepriesen. Ich hab in dem Land bisher zumindest keine Betrunkenen gesehen, frage mich jedoch, ob sich da nicht was ändern würde, wenn das Land reicher würde, denn vor dem Stand ist mächtig was los.

Gleich um die Ecke in einer Gasse sehe ich 5-6 Leute, die offensichtlich vor einem Altar in der Gasse eine Puja zelebrieren. Sie sind bereits beim Arati. Ich geselle mich dazu und werde herzlich aufgenommen. Man reicht mir das Licht, dann Prasad (eine Kokosnuss wird zerschlagen, die Milch und die Stücke dann verteilt). Sie sprechen nur bruchstückhaft Englisch, doch wir tauschen einige Informationen aus, Dann reicht mir eine Frau salzige Speise, die ich gleich esse, eine andere bringt noch eine ganze Tüte mit Süßspeisen, (auch ein Glas Wasser, das ich ohne viel zu überlegen hinunterkippe…) Knaller werden angezündet (schon vom Tempel aus und auf dem Rückweg hab ich immer wieder Feuerwerk beobachtet) man erklärt mir, es sei Diwali. Foto, Visitenkarte, dann verabschiede ich mich etwas beschämt. Auf dem weiteren Weg greife ich noch mehrmals in die Tüte. Dann fällt mir ein, dass ich ja diesen Leuten die noch fast neuen Schuhe schenken könnte, die ich zu klein gekauft habe und nach Indien mitschleppte, um sie zu verschenken. Damit würde auch mein Rucksack wieder etwas leichter, der durch gekauftes Obst, Nüsse und Wasser ziemlich an Gewicht zugenommen hat. Also leere ich die Tüte mit den Süßspeisen um, gebe die Schuhe hinein und trag sie zurück zu dem Haus. Einige der bekannten Gesichter sehe ich in einer geselligen Abendrunde. Ich überreiche die Tüte und verabschiede mich schnell. Die Reaktion ist sehr verhalten. Sie waren offensichtlich beglückt, etwas schenken zu können und die Freude scheine ich ihnen etwas verdorben zu haben. Das merke ich hier immer wieder: Es ist besser seine Gegenleistungen nicht aufzudrängen. – Es reicht vielleicht, wenn man sein Geld im Land lässt. Das wird dann schon irgendwie auch dort ankommen.

Am Bahnhof ist so viel los wie bei uns vielleicht nach dem Krieg einmal. Sogar die Flächen in den Hallen und auf den Bahnsteigen sind belagert. Das lässt wenig Gutes für die Nacht hoffen. Als ich dann jemanden nach dem Zug nach Hyderabad um 9 frage, erfahre ich, das sei ein Bummelzug, kein Express. Gott sei Dank ist er jedoch nicht so voll und ich ergattere ein ganzes Kofferregal. So lange ich noch nicht müde bin, setz ich mich mit dem Computer an die offene Tür und denke an Interrail 1981 in Spanien zurück, wo ich das letzte Mal Gelegenheit dazu hatte….
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Montag, 26.11.2012

Beitragvon kashiraja am Fr 30.11.2012 15:27


In der Nacht ist es bequemer, als ich dachte, und ich kann recht gut meditieren auch schlafen, werde jedoch alle Stunden geweckt. Unter mir zieht um 1 Uhr eine Familie ein und das Baby schreit wiederholt. Das letzte Mal wache ich um 6:30 Uhr auf und da steht die Sonne schon hoch über dem Horizont. Bin ja schließlich 500 km nach Osten gefahren. Die Landschaft hat sich auch verändert. Große Felsbrocken (teilweise haushoch) liegen verstreut in der hügeligen Landschaft. Ein junger Mann spricht mich an. Er erklärt mir, der Zug würde nicht direkt nach Hyderabad fahren, wenn ich nach Hyderabad wolle, müsse ich an einer Station aussteigen, an der er auch aussteigt. Wir kommen ins Gespräch und als er erkennt, dass ich an religiösen Dingen und am Hinduismus interessiert bin, bietet er sich an, mich zu einigen Tempeln zu führen.

8:30 Uhr Ankunft (350 km in fast 12 h) Zum ersten laufen wir von der Station hin, an der wir aussteigen. Der nächste ist der Birla Mandir auf einem Hügel in der Stadt. Oben angelangt, bedeutet man uns, dass ich mit meinem Gepäck nicht hinein könne. Santosh bietet an, auf mein Gepäck aufzupassen. So schaue ich mir die Pilgerstätte relativ zügig an. Alles aus weißem Marmor. Von oben hat man einen wunderbaren Ausblick auf die Stadt. Häuser so weit das Auge reicht. Unten ein See mit einer riesigen Buddha-Statue… Dann geht’s mit dem Bus zum nächsten Tempel, Sai Baba Tempel, wie Santosh sagt. Es stellt sich dann aber heraus, dass er schon älter ist, doch Sai Baba, der letztes Jahr seinen Körper verlassen hat, wird dort auch verehrt. Ursprünglich wollte ich ein paar Tage in Hyderabad bleiben. Santosh kennt jedoch keine geeignete Unterkunft und ich finde es auch besser, gleich in Puri für mehrere Tage ein Zimmer zu nehmen. Also geleitet mich Santosh noch zum dem Bahnhof, von dem ich abfahren muss (auf dem Weg halten wir noch einmal in einem großen bunt bemalten und ausgeschmückten Tempel, wo wieder keine Fotos erlaubt sind und Santosh wieder auf mein Gepäck aufpasst. Am Bahnhof kaufe ich mir problemlos die Karte nach Bhubaneshwar. Bis zur Abfahrt um 4 mache ich mich mit dem Gepäck auf dem Rücken noch in eine der anschließenden prall gefüllten Geschäftsstraßen auf und raste, esse und lese an einem etwas ruhigeren Ort, wo mich nur eine Kuh mal relativ aufdringlich anbettelt. Als mir eine Verkäuferin einen langen Stock reicht, mit dem ich etwas herumfuchtle, verschwindet das Vieh schneller als es gekommen ist.

Mir war schon aufgefallen, dass an der Tür meines Sitzplatzes viele junge Männer in einem eleganten violett-weiß klein gestreiften Hemd aus und eingingen. Nun fragt mich jemand (nicht in der Uniform), der dieselbe Tür benutzt, ob ich was suche. Da ich gemerkt habe, dass in Indien derartige Fragen gar nicht so aufdringlich sind und die Leute einen immer gern weiterhelfen, frage ich, was in dem Gebäude sei, weil da diese gut gekleideten jungen Männer ein und ausgehen. Da antwortet er mir, es sein ein Hostle, die Frage nach einem Zimmers für 200 Rupien beantwortet er positiv. Die Zimmer möchte ich mir natürlich gern mal ansehen, obwohl ich die Karte Richtung Puri schon in der Tasche hab. Er zeigt mir dann auch ein Zimmer in dem riesigen, aber recht unsauberen Gebäude, das er mir gerne geben würde, die Kommunikation ist wie meistens in Indien nicht so ganz eindeutig. „Vielleicht beim nächsten Mal“. Die uniformierten Männer (die sich hier auch verköstigen, mehrere sitzen beim Essen) arbeiten in der Indien Mall und zahlen 4000 Rupien pro Monat. Santosh (21), der in einem Call-Center (Hindi, Kanada) arbeitet und ein Diplom hat, wohnt in einer WG weit außerhalb und zahlt 500 Rupien im Monat.

Um rund Drei Uhr komme ich zum Bahnhof zurück und sehe, dass das Gleis meines Zuges bereits angegeben ist. Auf dem Gleis steht auch schon ein Zug, doch bis ich merke, dass das meiner ist, ist er schon ziemlich voll. Ich steige da ein, wo noch Sitzplätze frei zu sein scheinen. Da sag man mir, ich könne hier nur sitzen, wenn ich eine Reservierung hätte. Sie schauen auf meine Fahrkarte und sagen, das sei eine generelle Buchung, dafür fände ich Waggons am Ende. Das Ende ist dort, wo keine Reservierungslisten neben Türen hängen. Dort ist schon alles druckvoll. Ich gehe zum vorletzten vor dem Frauenwaggon. Da kann ich zumindest noch einsteigen. Ich komme nicht vor und nicht zurück und die Männer, die mir gegenüberstehen scheinen mir nicht ganz geheuer. Sind das nun endlich einmal diejenigen, vor denen ich ständig von denen gewarnt werde, die mir behilflich sind. Falls ja, bin ich ihnen auf dieser langen Strecke hilflos ausgeliefert….

Es ist erst halb vier und es kommen immer noch Passagiere die herein wollen. Mit meinen Rucksäcken (vorn und hinten), hab ich keine Chance in die Gänge zu den Sitzplätzen zu kommen, denke ich, und lass immer noch welche vorbei. Am Ende geht nichts mehr. Die Leute kommen auch nicht mehr an mir vorbei, ich solle doch noch mal aussteigen. Das tue ich nicht, weil ich fürchte nicht mehr rein zu kommen. Nun bietet man mir an, mein Gepäck in den Sackgang zu den Toiletten zu stellen, wo sich ein paar june Männer offensichtlich ein wenig Platz freigehalten haben. Hier weht mir zwar ein ziemliches Düftchen entgegen, doch endlich raus aus dieser Enge. Nur – hier staut sich die Wärme und es dauert noch lang, bis der Zug abfährt … auch meine Aussichten auf die Zugfahrt sind ziemlich desillusionierend. Wies aussieht werde ich die gesamte Zugfahrt in dem Loch stehen müssen, denn auch hier stehen wir inzwischen wie die Sardinen, weil immer noch Leute zusteigen wollen. Das Wasser läuft mir herunter und ich greife immer öfter zur Flasche. Wenn hier einer unter Klaustrophobie leidet, dann hält er es nicht aus, denke ich, und stell mir kurz vor, wie es wäre, wenn ich hier mal zu rasen begänne. Gott sei Dank ist hier wenigstens einer, der zumindest bruchstückhaft Englisch spricht. Er sagt er würde mit dem Zug bis nach Kolkatta reisen, das dauere 30 Stunden und er habe sich darauf eingestellt, so lange zu stehen. Das sind ja schöne Aussichten. Ich packe erst mal meinen Kindle aus, um wenigstens etwas Sinnvolles zu tun. Doch das Licht ist schlecht und ich greife zum Netbook (und hoffe nur, dass mein Gepäck nicht zum Objekt der Begierde wird) sinke vor der Toilettentür zu Boden und schreibe mal ein wenig. Der Zug steht noch, doch es kommen schon die ersten die auf die Toiletten wollen. Eine befindet sich links eine rechts. Ich stehe jeweils auf und öffne und schließe die Türen. Nun rollt der Zug an, viel Luft kommt in unserer Ecke jedoch auch nicht an. Sobald jemand zur Toilette geht sehe ich mit meinem Netbook auf. Das Problem ist: Einige derjenigen, die auf die Toilette gehen, machen sich nicht mehr die Mühe, sich bis zu ihrem Platz zurückzudrängen und bei uns wird es enger und enger. Da kommt einer auf die (wahrscheinlich geplante) Idee, eine der Toiletten zu besetzen. Und hier offenbart sich der wahre Vorteil der Hockkloos. Die Fensterverhängung abgenommen und über die Kloofläche gelegt und es sind 5 neue Plätze geschaffen. Es dauert nicht lange da biete ich mich an, am Fensterplatz zu sitzen, an dem man sich mit einer Wasserleitung arrangieren muss. Das wird mir gestattet. Und so hab ich wieder den „fast idealen“ Platz, mit blick aus dem Fenster, kühler Luft und Möglichkeit einigermaßen gut mit meinem Netbook zu schreiben.

Die Sonne geht leider schon bald unter, dem Netbook geht schön langsam der Saft aus und ich mache mir Gedanken, wie das in der Nacht werden soll. Ich fahre hier mit einem so genannten Super-Fast-Express und hatte mir ausgerechnet, dass ich mein Ziel unter optimalen Umständen um 2 Uhr nachts erreichen könnte. Das würde ich aushalten. Gott sei dank kennt sich jemand mit dem Fahrplan gut aus. Mit Mühe bekomme ich heraus, dass ich in Bhubaneshwar erst am nächsten Nachmittag um 2 Uhr ankommen würde… Da dauert es nicht lange, bis ich mich entschlossen habe, das Experiment vorzeitig abzubrechen. Um 20:30 Uhr verlasse ich die hinteren Quetschwaggons, wo an jeder Haltestelle doppelt so viel zusteigen wollen wie aussteigen und steig mal in die Waggons mit Reservierungen ein. Da kann man, wenn man reserviert hat, die Nacht einigermaßen bequem verbringen, ungefähr so, wie ich letzte Nacht. Doch zum Hinlegen und Meditieren finde ich dort auch keinen Platz.

An der nächsten Haltestelle Vijayavada (4 1/2 Stunden für rund 300 km) nehme ich ein Zimmer für 250 Rupien, das meine inzwischen noch weiter reduzierten Ansprüche (wenn ich daran denke, dass meine freundlichen Reisegefährten, die mir den schönen kühlen Platz am Fenster überließen, während sie im Innern des Zuges schwitzten und eine Tüte Wasser nach der anderen kauften, noch immer und inzwischen sicher noch enger eingepfercht waren – da halten nur die Stärksten durch) vollkommen zufrieden stellt, mache hier Bekanntschaft mit einer großen Käferart (Kakerlake?) und habe endlich Gelegenheit mein Mosquitonetz sinnvoll zu testen. Habe sogar Balkon auf die Hauptstraße, es gibt kein Fenster, die Tür lasse ich tunlichst offen, denn hier ist es um 12 Uhr nachts brütend heiß (habe nun den südlichsten Punkt meiner Reise erreicht) und ich bin froh, am Boden schlafen zu können, da ist es etwas kühler. Den Lärm nehme ich gar nicht mehr wahr und schlafe gut.
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Dienstag, 27.11.2012

Beitragvon kashiraja am Fr 30.11.2012 15:39

Ich sitze noch in Meditation, da klopft und leutet jemand Sturm an meiner Tür oder ist es doch die Tür des Nachbarn, denn ich kann ja eigentlich nicht gemeint sein, ich ignoriere und überlege, ob es vielleicht schon 12 Uhr sein kann. Als das Sturmläuten und Rufen nicht aufhört, beende ich provisorisch meine Meditation und öffne. Zinmerdienst, die Herren wollen kurz mal die „Toilette und Dusche“ reinigen, das dauere nur 5 Minuten, es ist kurz nach 8! Meine Einwände versteht natürlich niemand, so lasse ich gewähren.

Um 12 checke ich aus, schlendere durch die Stadt zum Bahnhof. Komme auch wieder an einem Tempel vorbei. Nicht so schön ausgeschmückt. Doch die Tempelprister? haben alle ein ähnliches aussehen, Tücher um die Lenden und gut genährt sehen sie aus. Ich habe relativ wenig Bezug zu dem Ganzen. Wenn man sich emotional nicht verbinden kann, ist Religion ne ziemlich fade Angelegenheit. Das versteh ich jetzt.

Am Bahnhof, kauf ich eine Fahrkarte nach Visakhapatnam (hab mich entschlossen die Reise nach Puri in 2 Etappen aufzuteilen) und erhalte den Hinweis vom Fahrkartenverkäufer, dass ein Zug um 13:30 Uhr gehe. Ich eile frühst möglich zum einzigen Zug der um 13:3ß Uhr abfährt und bekomme endlich mal einen Sitzplatz. Dann fragt mich aber gleich jemand, wohin ich wolle und es stellt sich heraus, dass der Zug in die ganz andere Richtung fährt. Die Züge haben wie bei uns die IC’s ihren eigenen Namen und man muss irgendwie herausfinden, ob das eigene Ziel auf der Route liegt. Ich finde aber schnell wieder einen freundlichen jungen Inder, der mir weiterhilft. Er rät mir, immer einen Platz zu reservieren. Die Liste würde 6 h vor Abfahrt abgechlossen und buchen dürfe ich nicht am normalen Kartenschalter (general tickets) sondern am Reservierungsschalter.

Der Zug ist wirklich wieder übervoll. Doch ich sichere mir einen Platz an der Tür und kann dort zunächst mal 1 h sitzen, dann 3 Stunden stehen und zwar so eng, dass ich mich kaum zu meinem Rucksack bücken kann (den großen hab ich aufs Waschbecken gestellt). Zu dieser Zeit wird auch die Toilette wieder besetzt, doch ich lass mich nicht mehr in diese Ecke drängen. Schließlich noch etwas sitzen an der Tür und dann, als es dunkel wird, leert sic der Zug (weil mein Etappenziel Endstation ist) und ich kann zunächst im Gepäckfach ruhn und die letzt halbe Stunde normal sitzen. Zumindest habe ich, solange es hell ist, immer einen freien Blick auf die vorbeiziehende Landschaft. Der Unterschied zwischen dem, was man in der Stadt erlebt und auf dem Land sieht, ist krass. Auf dieser Strecke sehe ich auch großflächigen Reisanbau und etwas Motorisierung. Auf der Fahrt nach Osten war alles klein parzelliert und oft fühlte ich mich ins Mittelalter versetzt., z.B. beim Anblick dieser voll mit Zuckerrohr bepackten Karren, die von zwei Ochsen gezogen (Pune – Solapur) werden.

Kurz vor Ankunft komme ich noch mit einem Angehörigen der Indian Air Force ins Gespräch und der erklärt mir, dass eine Reservierung kurz vor der Abreise immer schwierig ist. Spontanes Reisen mit der indischen Bahn ist also sehr anstrengend. Da die Visakhapatnam nah am Golf von Bengalen liegt, zieht es mich zum Meer. Auf der vergeblichen Suche nach einem Bananenstand laufe ich fast die ganze Strecke (4-5 km, dafür gönne ich mir noch ein Eis) und finde schließlich nach einem Hinweis von einer beleibten jungen Inderin 50 Meter vom Strand ein Zimmer im YMCA. Diese Jugendherberge wurde vor rund 10 Jahren gebaut, ein schönes Gebäude, ist jedoch inzwischen etwas heruntergekommen. Ich bekomme für 250 Rupien einen ganzen Schlafsaal (ursprünglich Audio-/Video-Raum) für mich. Baden kann ich im Meer, vom Dach hab ich einen schönen Ausblick, was will ich mehr?
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Mittwoch, 28.11.12

Beitragvon kashiraja am Fr 30.11.2012 15:57

Am nächsten Tag sehe ich in der Herberge an mehreren Stellen Zitate von Vivekananda und Yogananda hängen. Schon am Bahnhof von Vijayavada gab es seine Autobiographie zu kaufen. Alle die ich bisher jedoch getroffen und nach Paramahansa Yogananda gefragt habe, kannten ihn nicht. Viel von Spiritualität merke und sehe ich in diesem Land bisher nicht.

Nachmittags fahre ich in mit den Bus in die Stadt und laufe gemütlich, hier und da etwas zu Essen kaufend, zum Strand zurück. Um 6 Uhr abends sehe ich eine Figurengruppe mit Christus, über der Straße thronen. In einer Einfahrt sitzen mehrere Bettler. Ein Schild klärt auf, dass hier der katholische Erzbischof von Visakhapatnam residiert. Ich setz mich zu einer Marienstatue im Garten und als die Stechmücken zu aggressiv werden, gehe ich in die Kirche. Vorbeiziehender Festivallärm lockt mich wieder auf die Straße. Einige Straßen weiter folge ich einer Mantra-Rezitationen über Lautsprecher in einen Tempel. Ich setze mich neben die zwei Frauen dort und meditiere. Nach einer Stunde ist der ganze Raum mit älteren und jüngeren Frauen angefüllt, die fast alle eins gemeinsam haben. Sie sind alle ziemlich gut genährt. Die Gesänge und Rezitationen sind jedoch richtig in Schwung gekommen und die Energie feuert auch meine Meditation an. Danach werde ich noch zum gemeinsamen Mahl im Tempel eingeladen. Anlass der Feier ist der Geburtstag von Guru Nanak. Es sind jedoch keine Sieks, sondern Sindi. Der Tempel macht einen sehr edlen Eindruck, alles aus Marmor. Auch große Marmorstatuen von Hanuman, Durga, Sai Baba, Guru Nanak, Shiva, etc.

Als ich dann weit im Süden (relativ zur Unterkunft) auf die Strandpromenade treffe, fällt mir eine ganze Schlange teurer Autos (Q7 und andere SUV, etc.) auf, die alle ins Parkhaus des Luxushotels drängen. Das interessiert mich, was da los ist, und vorsichtig gehe ich immer weiter. Da mich niemand aufhält oder anspricht, stehe ich am Ende in einem großen Saal an dessen hinterem Ende ein großes Büffet in mehreren Reihen aufgetischt ist. Vorne findet auf einer reichlich geschmückten Bühne eine aufwändige Hochzeitszeremonie statt. Hier tummeln sich rund 2 – 300 Männer und Frauen, offensichtlich die Prominenz und die Reichen der Stadt. Niemand spricht mich an (nur das anwesende Film und Fotographenteam nimmt mich ab und zu mal ins Visier). Ich verfolge die Zeremonie bis zum Ende. Da mein Magen schon reichlich gefüllt ist, trinke ich nur Wasser, hole mir eine Kugel guten Sahnenusseises und probiere ein anderes Dessert. Draußen auf der Straße zahle ich einem Obdachlosen Bettler 20 Rupien dafür. Ich gebe fast immer, wenn mich jemand anbettelt, nur Kindern grundsätzlich nichts. Die meisten Leute sind mit 1-2 Rupien zufrieden und in der Regel treten sie nicht gehäuft auf.

Die Stadt macht insgesamt einen sehr dynamischen und entwickelten Eindruck. Es gibt Geschäftsstraßen mit modernen Geschäften. Auch die Straßenführung wirkt sehr geplant, Infrastrukturprojekte sind am laufen. Allerdings ist auch die Kehrseite der Medaille sichtbar: angetrunkene Männer, bisher aggressivste Rikscha-Fahrer, gehobenes Preisniveau, viele Übergewichtige….

Zur Abkühlung noch ein Bad im Golf von Bengalen. Das brauche ich, denn es ist immer noch so warm, dass ich seit Sonntag jede Nacht ohne Zudecke schlafe.
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Donnerstag, 29.11.12

Beitragvon kashiraja am Fr 30.11.2012 16:10

Es ist schön hier und ich würde gern länger bleiben. Doch die Jugendherberge bereitet sich auf eine Feierlichkeit vor und hat keinen Platz mehr. Also fahr ich mit dem Bus zum Bahnhof und sitze bald in der Sleeper Class in einem zu drei Vierteln leeren Zug. Leider ist die für Mittwoch zugesicherte Aktivierung meiner Sim-Karte immer noch nicht erfolgt.

Angenehme Zugfahrt bis Kordha Road, von dort noch 2 Stunden bis Puri. Nach Anruf beim Verkäufer der Sim-Karte in Pune erfolgt zwar Netzzugang, doch die Aktivierung ist nicht möglich. In Puri nehme ich ein einfaches Zimmer (in einer sehr einfachen Wohngegend, die Richtung Strand bald in ein Hüttendorf übergeht) das seine 200 Rupien aber auch nicht mehr wert ist. Ich habe Dusche und Toilette im Zimmer und kann die Dachterrasse benutzten. Ich bin der einzige Gast im Haus. Seit Sonntag habe ich keinen Nicht-Inder mehr zu Gesicht bekommen. Obwohl viele nach Indien reisen, verläuft sich das offensichtlich sehr.
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Freitag, 30.11.12

Beitragvon kashiraja am Fr 30.11.2012 16:21

Endlich meine Sim-Karte zu aktivieren und meinen mobilen Internet-Zugang zu bekommen, hat für mich nun höchste Priorität. Helpline. Man nennt mir schließlich ein Geschäft, das ich in Puri aufsuchen soll. Ich schlage den Umweg über den Strand zur Stadt ein. Dort treiben sich viele Edelsteinverkäufer herum, die Diamanten, Saphire, Rubine, etc. feilbieten….

Das Geschäft ist nicht aufzufinden, niemand kennt es, die Helpline ist dauerbelegt. Mangesh aus Pune erklärt mir, die Karte könne mit der von ihm mitgeteilten Aktivierungs-Nummer nur von Maharashtra aus aktiviert werden. In Indien beginnt Roaming bereits in Nachbarstaaten. Ich hatte ihm jedoch gesagt, dass ich am nächsten Tag weiterreisen würde. Der Mann arbeitet von früh 7 bis abends23 Uhr und weiß offensichtlich auch nicht alles. Ich suche den Yogoda Satsanga Society Ashram auf. Liegt gar nicht so weit entfernt von meiner Unterkunft. Dort rät man mir, eine neue Sim-Karte zu kaufen. Jetzt wird’s endlich mal wieder Zeit einen Internetshop aufzusuchen. Dafür eignet sich vor allem die Zeit nach Sonnenuntergang

Ich fühle mich ziemlich wohl unter den Indern. Das merke ich, als ich in den ersten Internet-Shop gehe, darin zwei Nicht-Inder sehe und mich entschließe, einen anderen zu suchen. Ich fahre Richtung Jaganath-Tempel (habe mir das Fahrrad meines Vermieters für 30 Rupien am Tag geliehen). Im Internet-Cafe, das ich wähle, ist die Ausstattung nicht so gut wie in Pune (alte Röhrenbildschirme mit schlechter Sichtbarkeit) die Preise gleich. Der junge Chef sieht sich (nachdem ich schon angefangen habe) mit voller Lautstärke einen amerikanischen Movie an (Adventures?) für 20 Rupien heruntergeladen.

Bei meinen E-Mails fällt mir auf, dass ich 30 Minuten, nachdem ich am letzen Samstag das Internet-Cafe in Pune verlassen hatte, die Bestätigung meines Platzes im Zug nach Solapur erhalten hatte…

Da ich den Jaganath-Tempel noch nicht gesehen habe, mache ich mich danach noch auf die Suche. Puri, eine der vier heiligsten Pilgerstätten Indiens, ist vom Pilgerwesen geprägt. So viele Tiere, Kühe, Hunde, Katzen habe ich in noch keiner Stadt auf den Straßen gesehen, gehäuft noch im Umkreis des Tempels. Sie erfüllen jedoch offensichtlich eine wichtige Funktion. Der gesamte Biomüll wird zur Weiterverwertung ihnen überlassen. Die Stadt macht auch einen gewissen Eindruck von Rückständigkeit – z.B. viel Fahrrad-Riskshas (in Pune überhaupt keine mehr), viele heruntergekommene Geschäfte und Buden. Ich hatte vermutet, das mir von der Helpline genannte Geschäft müsse in einer Shopping-Mall oder dergleichen liegen, So was scheint es hier jedoch nicht geben.

Auf dem riesigen Straßenplatz vor dem Tempel fühle ich mich an den Jamal el fna in Marrakesch erinnert, nur ist das hier größer und authentischer. Ein buntes Treiben und ein riesiger Lärmpegel noch um 22:00 Uhr. Die Geschäfte beginnen dicht zu machen. Am Tempeleingang lese ich: Schuhe, Leder, Kamera, Handy sind nicht erlaubt. Der Tempel soll eigentlich auch nur für Hindus zugänglich sein…

Auf dem Rückweg verfahre ich mich noch mal ordentlich – sind die Geschäfte dicht, sieht alles ganz anders aus. Ich bin froh, kurz nach 23:00 Uhr meine Abend-Routine beginnen zu können.
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Samstag, 1.12.12

Beitragvon kashiraja am Do 06.12.2012 19:19

5 Uhr wache ich scheinbar ziemlich ausgeschlafen auf. Draußen wird der Bezirk bereits mit lauter Lautsprechermusik beschallt. In der Nacht war ich immer wieder aufgewacht und fühlte mich von allen möglichen Gestalten umringt, die sich, während ich schlief, meiner Ausrüstung bemächtigt hatten…

Auf dem Dach ist es am Morgen recht kühl und als ich merke, dass ich noch ziemlich müde bin, bereite ich mir mit Matte und das erste Mal Schlafsack ein Lager und schlafe noch mal richtig aus.

So viel Lust auf indisches Essen habe ich nicht, deshalb kauf ich mir nur jeden zweiten Tag ein Essen und knabbere sonst mehr herum. Doch heute Morgen bin ich ziemlich hungrig und mach mich auf die Suche. Finde erst am Bahnhof, was mir zusagt. Sehr schlicht, eine Hütte mit Plastik-plane, Teller aus Blättern. Doch hier scheint der Umsatz zumindest so groß zu sein, dass kein altes Essen serviert wird. Das Essen ist gut und auch bekömmlich, nur muss ich wiederholt kleine Steine aussortieren.

Am Jaganath-Tempel erkunde ich mal die Situation und mach mich dann noch auf die Suche nach dem Karar-Ashram, dem Ashram Sri Yukteshwars, der der SRF irgendwie entglitten ist. Um 3:30 pm ist wieder Einlass.

Bis dahin ist noch etwas Zeit und ich gehe zum Strand. Dort taucht bald wieder ein Steine- und Schmuckverkäufer auf. Da mir inzwischen schwant, dass ich gestern viel zu teuer eingekauft habe, sondiere ich noch einmal die Lage, eine Perlenkette für 90 Rupien, einen schön geschliffenen Diamanten für 200 Rupien (das scheint mir ein lächerlicher Preis, falls die Diamanten echt sind, doch es wird generell der Test des Glasritzens vorgeführt und auch der Münztest wurde mir bereits gezeigt, d.h. man packt einen Diamanten zwischen zwei Münzen und schlägt mit einem Stein darauf; Ergebnis, der Diamant ist unverändert, in der Münze, die der Spitze aufliegt, ist eine Delle, sehr wahrscheinlich handelt es sich um künstlich hergestellte und automatisch geschliffene Diamanten, denn sie haben alle den gleichen Schliff) und 3 Saphire für 1100 Rupien, das scheinen so reelle Preise hier zu sein. Zumindest haben die Steine nicht viel Gewicht….

Im Karar-Ashram wird man zunächst um eine Spende gebeten (100 R ist üblich). Dann wird man herumgeführt. Im Mausoleum? Sri Yukteshwars scheint mir die Schwingung sehr hoch zu sein, hier mal einige Stunden zu meditieren, wäre schön. Ich hoffe dass der Ashram bei Zeiten wieder an die SRF oder eine andere Organisation zurückfällt und besser zugänglich wird. Nach eine kleine Unterhaltung mit dem Hausherren verabschiede ich mich wieder. Hab den Eindruck, dass hier jemand ein einfaches Geschäftsmodell entdeckt hat und einen heiligen Ort ungerechtfertigter Weise besetzt hält…

Die Abend-Meditation im SRF-Ashram von 5:30 bis 7 p.m. ist gut, obwohl nur rund 10 Leute teilnehmen, eine Frau. Werde sehn, dass ich da die nächsten Tage hingehe, wenn ich kann.

Heute ist neben mir ein Italiener eingezogen, der schon 2 Monate in Indien herumreist. Das Gespräch mit ihm ist anstrengend. Man kommt da schnell in eine Negativität hinein und lästert leichtfertig über das Gastland. Das brauche ich eigentlich nicht. Die Inder haben zu ihren Verhältnissen und Land natürlich eine sehr viel positivere Einstellung. Vielleicht finde ich deshalb den Umgang mit ihnen so angenehm. Werde den Westlern so weit wie möglich aus dem Weg gehen.

Den Abend verbringe ich im Zimmer, vor dem Zu-Bett-Gehen an den Strand ein bisschen Hindi lernen. Das erste Mal komme ich dazu, den Sternhimmel zu betrachten. Aldebaran im Stier steht im Zenit

Versuche heute ohne Mosquitonetz auf dem Boden zu schlafen. Doch es beginnt wieder an der Unterseite der Handgelenke zu brennen. Die Mosquitos hier stechen nur dort und an den Fußknöcheln. In der Nacht ähnliche Phantasien wie gestern, dass meine Sachen unbewacht sind und jemand im Zimmer ist und sich an meiner Ausrüstung bedient.

Erst gestern, im Zuge der Überarbeitung meiner Reiseberichte, um sie als E-Book herauszugeben, habe ich gesehen, dass ich den Tagebucheintrag zum Sonntag, den 2. Dez. 2012 nicht hochgeladen habe und hole das jetzt (29.10.2015) nach.

Sonntag, 2.12.12
Sehr früh, noch tief in der Nacht beginnt Trommeln, Mantra-Rezitation und Musik. Meine Meditation ist gut, kommt allmählich in Schwung.

Dass ich mich so übers Ohr habe hauen lassen, treibt mich noch etwas um. Ich bitte Gott um Verzeihung, dass ich so unweise mit seinem Geld umgegangen bin. Da wurde ich irgendwie am falschen Fuß erwischt. Gründe: ich dachte, dass ich mich etwas auskenne mit Steinen, nach so viel Hilfsbereitschaft war ich zu vertrauensselig geworden, da war in mir noch ein Wunsch vorhanden, einen richtigen Diamanten zu besitzen und ich dachte, das sei eine einzigartige Gelegenheit – statt dessen scheinen am Strand Hunderte mit gleichartigen Steinchen und Ketten herumzulaufen..

Andererseits stufe ich die Angelegenheit auch als unfreundlichen Akt ein, den ich ruhig ahnden darf. Nachdem mir Plan Deutschland nun mitgeteilt hat, dass aus verschiedenen Gründen ein Besuch bei meinem Pseudo-Patenkind in Bihar („diesmal“) nicht möglich sei, ist eh gerade eine gut Gelegenheit, die Patenschaft zu kündigen und Zahlungen auszusetzen, bis dieser gewährte Vorschuss ausgeglichen ist. Danach will ich mit meinem Obolus lieber Kriya-Yoga-Organisationen unterstützen, das halte ich für noch sinnvoller…. Durch Reisen trage ich für meine Verhältnisse genügend Geld in arme Länder…
Wahrscheinlich ist das alles ganz gut so und ich hoffe, ich habe wieder was gelernt…

Dann, relativ früh, barfuß und ohne alles (sogar ohne Geld) zum Jaganath-Tempel-Westeingang. Dort werde ich ohne weiteres durchgelassen. Eine riesige Anlage. Im Außenbereich viele Verkaufsstände. Im Innenbereich viele kleine Tempel außen und vor dem Tempel im Zentrum steht eine ganze Schlange an. Ich will mich erst mal etwas umsehen und dann einen geeigneten Platz zum meditieren finden. Es gefällt mir hier und ich stelle mir schon vor, wie ich den ganzen Tag hier verbringe. Da spricht mich ein Priester an und bittet mich in seinen Tempel. Ich hätte ihn einfach ignorieren sollen. Doch ich lehne zunächst mit Zeichen ab und als er nicht nachlässt, gehe ich mit ihm in den Tempel. Als er mich etwas fragt, ist schnell die Stunde der Wahrheit gekommen. Als ich schließlich sage, dass ich Deutscher bin, geleitet er mich nicht unfreundlich zum Ausgang, stellt mich dem Wachpersonal vor und erklärt mir, es dürfen nur Hindus hinein. Mein Argument, dass ich in einer früheren Inkarnation mal in Indien gelebt habe und einmal Hindu immer Hindu sei, lässt er nicht gelten, von Paramahansa Yogananda und Lahiri Mahashaya hat er auch noch nie was gehört, rechnet mich jedoch freundlicherweise der ISCON zu. Dass ich Kriya-Yoga praktiziere, tut auch nichts zur Sache. Nur Indern ist der Zugang gestattet – eine relativ rassistische Auslegung von Religion….

Richtig ausstaffiert für ein Bad im Meer, nehme ich zuerst diese Gelegenheit wahr, gehe noch mal zum Karar-Ashram und frage ob ich nicht hier etwas meditieren dürfe, was abgelehnt wird, komme dann bei der ISCON vorbei, die noch dabei sind für die Mittagsspeisung zu kochen. Das ist recht interessant. Riesen Pfannen und Töpfe (2-3 Meter Durchmesser, bis zum Überlaufen gefüllt) werden von einfachen, dafür konstruierten Öfen mit Holzfeuer erhitzt. Alles im Freien … relativ Ressourcen freundlich, denke ich mir. Ich biete mich an, zu helfen. Man geht jedoch nicht darauf ein.

Immer noch in Stimmung, etwas zu meditieren gehe ich in den Ananta Kali Mandir. Ein junger, kaum englisch sprechender Priester will mich bemuttern. Ich will mich nur hinsetzen und meditieren. Was ich schließlich auch tue. Nach 10 Minuten wird das dem Priester zu lang, Ich soll in 5 Minuten aufhören und Geld zahlen, nachdem er mir eine Banane als Prasad hingelegt hat. Da ich kein Geld dabei habe, einigen wir uns darauf, dass ich beim nächsten Mal zahle. Als ich wieder auf den JaganathTempel treffe versuche ich noch zweimal mein Glück (Ost- und Westeingang), doch diesmal sind die Wachposten (Polizisten) sehr aufmerksam und weisen mich gleich zurücko

Also zurück aufs Zimmer. Nachmittags mit dem Rad vor die Stadt hinaus (auch zum Testen, weil ich überlege, ob ich nicht Morgen die 35 km nach Konark zum Sonnentempel mit dem Rad fahren kann) ein ruhiges Plätzchen suchen und zurück zur Meditation im YSS-Ashram. Um 17:30 Uhr wird erst mal die Energetisierungsübung auf der Terrasse vor dem Meditationsraum angeleitet. Sonntags wird um 19:00 Uhr noch was vorgelesen. Zum Abschluss um 19:30 Uhr gibt es Prasad und nur sonntags tragen sich alle Teilnehmer in ein Buch ein. Geselligkeit kommt keine auf (heute sind neben dem Leiter nur zwei ältere Herren da sowie Frau und Mann mit Sohn, der jedoch schon über 20 ist). Irgendwie vermisse ich hier etwas die Gastfreundschaft, die sonst in Indien oft so überschwänglich ist. Hier scheinen die Inder unter sich bleiben zu wollen.

Abends schau ich noch etwas bei einer Art Fingerbillard zu, bei dem 4 Spieler runde Plättchen in die ausgesparten Ecken einer quadratischen Holzplatte versenken.

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Montag 3. 12.12

Beitragvon kashiraja am Do 06.12.2012 19:48

In korrigierter und stark erweiterter Form ist diese Reisebeschreibung inzwischen als eBook erschienen: "Pilgerreise durch Indien" auf allen eBook-Plattformen erhältlich und besonders hier: http://www.fyue.de/shop

Obwohl ich früh zu Bett gegangen bin, brauche ich lange, bis ich mich vom Lager erhebe. Ich befinde mich an einem der vier heiligsten Pilgerorte der Hindus, hier ist Sri Yuktesrams und der YSS-Ashram und ich spüre (spirituell) kaum etwas Besonderes. Irgendwie ist das alles gar nicht so toll hier. Ich habe keine Lust irgendetwas zu unternehmen und denke mir, wo bin ich denn da nur hingeraten? Der Italiener ist inzwischen schon wieder abgereist. Vielleicht sollte ich mich hier auch von den Socken machen. Gesehen hab ich eigentlich alles.

Vielleicht fehlt auch das Abrufen von Informationen aus dem Internet, da ich keinen Reiseführer dabei hab. Meine weiteren Bemühungen die in Pune gekaufte Sim-Karte zu aktivieren sind alle im Sande verlaufen und ich habe bereits eine Vodafone-Karte bestellt. Für kommenden Samstag hab ich mich im Dakshineswar-Ashram, Kolkata, angemeldet. Bis dahin könnte ich theoretisch zur Aktivierung der Sim-Karte noch mal nach Maharashtra zurückfahren, Nagpur wäre ein nahes Ziel (1000 km).

Um halb zehn mach ich mich schließlich mit dem Rad auf den Weg nach Konark zum Sonnentempel. Nach 5 km lese ich über einer Sraßenabzweigung auf einem großen Schild „Divine Life Society“, das kommt mir doch bekannt vor. Ja, das ist wirklich die Sivananda-Organisation, die hier einen schönen großen und sauberen Ashram hat. Büroangestellter führt mich herum. Die Verehrung ist hier mehr auf Chidananda als auf Sivananda ausgerichtet …. Um hier bleiben zu können müsste ich mich allerdings vorher angemeldet haben, alles läuft auch in Hindi oder der örtlichen Sprache Oya ab. Ich erfahre jedoch, wo die nächste Bushaltestelle nach Konark ist, lasse das Rad stehen und fahre zu diesem touristischen Ziel, das von Indern ziemlich überlaufen ist. Stände und Verkäufer en mas. Eintritt für Ausländer 250 Rupien, für Inder 10 Rupien….

Ich umrunde die Anlage erst mal weitflächig und lass mich in einen kleinen Tempel für Planetengötter bitten, wo dann doch trotz anderweitiger Zusicherung die Hand aufgehalten wird. God bless you – 50 Rupien. Das kann ich natürlich auch. God bless you 50 Rupien… schön langsam geht mir diese billige Masche auf den Keks.

Beim Umrunden treffe ich den Italiener wieder. Er hat nur das Quartier gewechselt, ist in eins für 150 Rupien gezogen. Er kommt mit einem viel geringeren Budget aus als ich. Ich scheine hier die Spendierhosen anzuhaben. Die Tausender verlassen nur so meinen Geldbeutel. Irgendwann sollte ich wirklich mal anfangen richtig zu sparen. Man darf sich nicht verpflichtet fühlen, die Armut zu lindern. Die Inder müssen sich selbst hochrappeln. Ich konzentriere meine Schenkungen (YSS 1000 R, Devine Life Society 500 R) ansonsten bin ich nach der Blamage mit den Edelsteinen wieder etwas vorsichtiger geworden. Wenn du hier nicht aufpasst, sage ich mir, stehst du bald in der Unterhose da. Denn im Grunde ist in gewisser Weise jeder hier berechtigt, von dir was zu nehmen. Doch auf jeder meiner Reisen erlebe ich Reinfälle… Schlitzohren gibt es überall.

Bei näherer Betrachtung des Sonnen-Tempels erkenne ich, dass er doch schon ziemlich verfallen gewesen sein muss und dann grobschlächtig ausgebessert wurde. Erstaunlich sind die vielen pornographischen Abbildungen, die man noch deutlich erkennen kann. Ich hatte gedacht, die wären nur in Khajuraho zu finden.

Als ich in den Bus nach Puri zurück steige, wer steht neben mir? Der Italiener. Er erzählt mir von einem Sandskulpuren-Festival am Strand. Das schau ich mir noch an und als ich mit dem Rad schon in Vororten Puris wieder an einem Idea-Shop (Sim-Karte) vorbeikomme, frage ich nochmals nach. Über 3 Stationen komme ich dann zu einer Idea-Office in einem einfachen Schuppen. Büro hat schon geschlossen, ich solle morgen 10:00 Uhr wiederkommen, dann werde mir sicher geholfen. Also geb ich dem noch eine Chance und bleibe noch einen Tag.

In der Stadt komme ich an einem öffentlichen Konzert mit klassischen Bajans vorbei, das mir (bis auf die Lautstärke, ich habe Lust nach vorn zu gehen und die Pegel der Lautsprecher zurückzudrehen) sehr gut gefällt. 5 Trommler, mehrere Sänger/innen (die sich abwechseln, jeweils nur einer singt) und ein Keyboard. Der Keyboarder setzt die Klänge (Sita, Flöte, Streicher, Harmonium, Glocken, Chor) so versiert ein, dass man den Eindruck hat, vor einem ganzen Orchester zu stehen. Als ich mir das alles von nah anschauen will, bittet mich einer der Sänger, der sehr viel Herzlichkeit ausstrahlt, auf die Bühne…
Auch hier treffe ich den Italiener wieder, der das Problem hat, dass seine Visa-Electron-Karte von keinem Automaten angenommen wird. Bisher hatte er immer Bargeld gewechselt….
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